Mehr Fluglärm in Erzhausen, um Darmstadt zu entlasten: Darauf sollte ein Infoabend die Betroffenen vorbereiten. Aber die Bürger fühlen sich übergangen und sind nicht zu besänftigen. Genauso wenig wie die Teilnehmer der 250. Anti-Lärm-Demo am Frankfurter Flughafen.

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250. Flughafen-Demo

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Die Türen stehen offen im Bürgerhaus in Erzhausen (Darmstadt-Dieburg) am Montagabend. Damit sind nicht nur die Flügeltüren gemeint, durch die wenigstens etwas Sauerstoff in den mit rund 800 Menschen rappelvoll besetzten Saal kommen soll. Das Forum Flughafen und Region (FFR) will ganz bewusst Offenheit demonstrieren. Wenn Oliver Quilling (CDU), Landrat des Kreises Offenbach und FFR-Vorstandsmitglied, an diesem Abend zum Mikrofon greift, kommt kaum ein Satz ohne dieses Wort aus: "Offenheit".

Viel mehr kann er allerdings nicht anbieten. Das FFR beginnt an diesem Abend das sogenannte "Konsultationsverfahren zur möglichen Verlegung von Amtix-kurz". Amtix-kurz ist eine mögliche Startroute für Flugzeuge von der Frankfurter Startbahn West. Rund 180 Flugzeuge am Tag nehmen diesen Kurs, der jetzt verlegt werden soll. Mehrere tausend Menschen im Darmstädter Norden soll das entlasten. Dafür aber bekämen rund 500 Einwohner in Erzhausen Fluglärm zu spüren, die bisher als nicht belastet galten.

Reden ja, mitbestimmen nein

Und die meisten dieser 500 Menschen sind heute Abend hier, um sich über die Pläne zu informieren. Sie sollen Fragen stellen, Vorschläge machen, die Pläne prüfen. "Am Ende des Prozesses soll eine Meinungsäußerung der beteiligten kommunalen Akteure stehen" - so steht es auf der Internetseite des FFR. Mitsprache bedeutet aber nicht Mitbestimmung.

lebhafte Bürgerinfo über drohenden Fluglärm in Erzhausen
"Stress, Streit, Frust" - lebhafter Infoabend über drohenden Fluglärm in Erzhausen Bild © Straub/hr

Und den Menschen im Bürgerhaus Erzhausen ist das klar. In der ersten Stunde der auf zweieinhalb Stunden angelegten Veranstaltung geht es turbulent zu, kaum jemand kann ausreden, immer wieder rufen Menschen empört dazwischen, wenn die Offiziellen ihre Pläne präsentieren: "Konkrete Antworten bitte!" "Völlig falsch!" "Sie interessiert das doch gar nicht!" "Ist doch lächerlich!" "Sie tragen uns altes Zeug vor, und das sollen wir uns hier anhören!"

Das Misstrauen ist groß

Wie groß das Misstrauen mittlerweile ist, wird deutlich, als Erzhausens Bürgermeister Rainer Seibold (parteilos) kritisiert: Die mit der Moderation beauftragte Firma komme aus Darmstadt. "Das hat ein G'schmäckle" - immerhin ist es ja Darmstadt, das durch die neue Route vom Lärm entlastet werden soll.

Überhaupt die Moderatoren: Sie haben nicht nur alle Hände voll zu tun, den ambitionierten Zeitplan des Abends einzuhalten und die Zwischenrufe in den Griff zu bekommen. Sie sind auch selbst Ziel der verbalen Angriffe, etwa als sie erwähnen, dass ein 70 Seiten umfassendes Dokument "seit Freitag im Internet" zu finden sei. Als die Moderatorin den kritischen Redner der evangelischen Kirche ans Redezeitlimit erinnert, erinnert der Lärmpegel kurzfristig an ein startendes Flugzeug. "Ruhe!" und "Pfui!" schreien die Leute, viele Pfiffe schallen durch den Raum.

Jubiläums-Demo am Flughafen

Pfiffe sind wenige Stunden zuvor auch im Frankfurter Flughafen zu hören. Hier setzen Menschen an jedem Montagabend seit mehr als sechs Jahren eine andere Form der Bürgerbeteiligung um: Sie demonstrieren gegen Fluglärm, an diesem Montag zum 250. Mal. Mit der Eröffnung der Nordwest-Landebahn im November 2011 kamen zum ersten Mal 400 Menschen hier zusammen. Kurz darauf waren es etwa 3.000, inzwischen sind es im Schnitt noch meist um die 200. Heute sind es um die 1.000 - anlässlich des Jubiläums.

Dass es einmal 250 Demonstrationen werden, damit hat Initiator Thomas Scheffler nicht gerechnet. Er ist heute Sprecher des Bündnisses. "Uns gehen die Themen nicht aus", sagt er. Seit vergangener Woche geht es auch um die Feinstaubbelastung. Was sich in Erzhausen an Widerstand regt, begrüßt er grundsätzlich. "Bürgerbeteiligung war bei uns immer eine Kernforderung", sagt er. Aber: "Wir wollen Lärmminderung. Wenn man Routen verschiebt, ist das Problem nicht gelöst."

War die Kartografie schon weiter?

Erzhausens Bürgermeister Seibold sagt: "Die Menschen sind hierher gezogen in dem Wissen, dass hier der Fluglärm erträglich ist. Wenn dieses Wissen über den Haufen geworfen wird, bedeutet das, dass es keine Verlässlichkeit mehr gibt.“ Die Folge: "Neuer Stress, neuer Streit, neuer Frust."

Der Frust ist längst da: Stehende Ovationen erhält Tanja Launer (Gemeinsam für Erzhausen), Vorsitzende der Gemeindevertretung. Sie greift die Vertreter der Expertengruppe Aktiver Schallschutz (Expass) direkt an. "Das ist bewusste Manipulation", sagt sie zu den vorgetragenen Informationen. Die vorgelegten Karten seien "nicht maßstabsgetreu. Die Kartografie war im 18. Jahrhundert schon mal weiter." Und viele Informationen lägen den Bürgern überhaupt nicht vor. "Sie sind die alleinigen Experten, wir sind die bewusst dumm gehaltenen Betroffenen."

Es geht - in verwirrender Tiefe der Details - um "Schallpegel" und "Acceleration Points" an diesem Abend in Erzhausen. Vor allem aber geht es um eins: Die Menschen wollen offene Türen. Aber nicht erst, wenn die meisten Entscheidungen schon getroffen scheinen.