Familie Müller steht vor dem Testfahrzeug
Familie Müller testet E-Mobilität im Landkreis Marburg-Biedenkopf. Bild © Anna Spieß (hr-iNFO)

Kinder zum Sport bringen, Einkaufen im Nachbarort und ein Arbeitsweg über die Bundesstraße: Geht das alles auch mit einem Elektroauto? Eine Familie aus dem Marburger Hinterland hat den Test gemacht.

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Johannes Müller im E-Auto

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Familie Müller testet die E-Mobilität auf dem Land

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Johannes Müller arbeitet als Biologielaborant in Marburg. Der 48 Jahre alte Familienvater fährt jeden Tag mit dem Auto zur Arbeit, knapp 40 Kilometer aus Dautphetal hin und zurück. Seit zwei Tagen fährt er die Strecke mit dem Elektroauto, das die sechsköpfige Familie in einem Projekt des Kreises Marburg-Biedenkopf testet. Der Kreis will nach eigenen Angaben das Thema E-Mobilität voranbringen und hat deshalb eine Verlosung ausgeschrieben, bei der sich interessierte Familien für einen einwöchigen Test bewerben konnten. Familie Müller bekam den Zuschlag.

E-Auto soll Zweitwagen ersetzen

Die Familie ist offen für alternative Mobilitätsangebote. In den vergangenen Jahren hatten sie bereits ein Gasauto, mit dem sie gute Erfahrungen gemacht haben. Jetzt, mit vier Kindern, haben die Eltern einen Diesel-Kleinbus und einen kleinen Zweitwagen. Das E-Auto soll im Test den Zweitwagen ersetzen. "Besonders witzig fand ich, dass das Auto wirklich keine Geräusche macht“, schildert Ehefrau Andrea ihre ersten Eindrücke. "Also man hat das Gefühl man schwebt, weil man überhaupt nichts hört."

Ausreichend Ladesäulen und kostenloser Strom

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. (Stand 30. Juni 2017, Erhebung des Bundesverbands der Energie- und Wasserwissenschaft)

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Nach etwa zwei Tagen muss das Auto geladen werden. Laut Anzeige hat es eine Reichweite von knapp 300 Kilometern. Der Verbrauch variiert je nach Fahrstil, die nächste Ladesäule ist direkt im Ort. Die Ladeinfrastruktur im Hinterland findet Johannes Müller in Ordnung. Er hatte bisher noch nicht das Problem, keine Säule in der näheren Umgebung zu finden. Um diese Säulen freizuschalten benötigt die Familie eine Ladekarte oder einen Chip. Hier gibt es verschiedene Anbieter, wie die Stadtwerke, aber auch private Anbieter.

Noch sind viele Karten kostenlos und können einfach online bestellt werden. Auch der Strom an den meisten Säulen ist kostenlos. Langfristig werden die Stromanbieter aber nach eigenen Angaben auf Bezahlsysteme umsteigen. Trotzdem ist das Laden günstiger als eine Tankfüllung.

Lange Ladezeiten und ein unheitliches Kartensystem

Als unpraktisch empfindet Familienvater Müller die langen Ladezeiten von bis zu drei Stunden je nach Auto und Akkustand. "Wenn ich zum Beispiel damit nach Berlin fahren wollte, dann muss ich alle 200 bis 300 Kilometer eine Pause einplanen." Das verlängere eine solche Reise um Stunden. Unpraktisch sei auch, dass das Kartensystem von Säule zu Säule variiere. "Neu war für mich, dass jeder ein anderes System hat beim Tanken. Dass ich nicht einfach sagen kann, ich geh mit meiner Checkkarte hin und kann volltanken." Er würde sich wünschen, dass hier ein einheitliches System geschaffen wird und man mit nur einer Karte alle Ladesäulen in ganz Deutschland entsperren und dann mit seiner Karte bezahlen könnte.

Fazit von Familie Müller

Das Fahrgefühl beim E-Auto ist etwas ganz besonderes. Man hört es nicht, es ist spritzig und umweltfreundlich, findet Familie Müller. Die langen Ladezeiten und die verschiedenen Kartenmodelle bringen allerdings einen Nachteil.

Als Alternative zu ihrem Dieselbus sieht Familie Müller das E-Auto also eher nicht. Als Zweitwagen für kleinere Strecken, zur Arbeit, um die Kinder zum Sport zu fahren oder im Landkreis Besorgungen zu machen, könnten sie sich ein E-Auto allerdings grundsätzlich vorstellen.

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E-Mobilitätsprojekte in Hessen

Neben der Initiative des Landkreises Marburg-Biedenkopf, fördert auch das hessische Wirtschaftsministerium verschiedene Modelle, wie zum Beispiel Carsharing. Auch die wird weiter ausgebaut. Das größte Vorhaben dabei ist das der Entega, bei dem bereits über 100 Säulen in 45 Kommunen errichtet wurden.

Im vergangenen Jahr wurden außerdem Zuwendungsbescheide für insgesamt 23 E-Busse im öffentlichen Nahverkehr in drei hessischen Kommunen (Fulda, Frankfurt, Wiesbaden) ausgestellt. Die ersten E-Busse werden 2018 ausgeliefert. Außerdem wird mit Bundesförderung an der A5 zwischen Langen und Weiterstadt eine fünf Kilometer lange Teststrecke für die Erprobung von Oberleitungs-E-Lkw errichtet. Der Testbetrieb soll Anfang 2019 starten.

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Ihre Kommentare Pendeln mit dem Elektroauto: Wäre das auch für Sie eine Alternative?

10 Kommentare

  • Ja klar aber die Elektro Fahrzeuge sind noch total überteuert. Was in keinster weise den gerechtfertigt ist was in den Fahrzeugen verbaut ist. Lademöglichkeit hätte ich bei mir zu hause.

  • Thema Ladekarten: mit der üblichen Roaming-Funktion reichen ein bis zwei Karten locker aus. Nur wenn ich immer das günstigste Angebot nutzen will, lässt sich das Thema aber auch beliebig komplex gestalten. Wobei sich derzeit auch bei einer 1500-km-Rundfahrt durch Deutschland hinreichend viele kostenlose (Schnell-)Lademöglichkeiten finden lassen.
    Frankfurt-Berlin mit dem Ampera-e: ein Ladestopp von 45 min - lässt sich problemlos in die Reiseplanung integrieren...

  • Gerade im ländlichen Raum, wo viele eine eigene Garage haben, der sich mit einer einfachen Schuko-Steckdose oder sogar einer etwas teureren Wallbox ausrüsten lässt, stellt sich bei E-Autos mit 41kWh Batterie in den allermeisten Anwendungsfällen gar kein Ladeproblem dar. Denn dann werden die Autos einfach jede Nacht nachgeladen und schaffen mit 41kWh gut 250km tägliche Reichweite.

    Macht man sich ein Bild in den Foren der E-Auto-Nutzer, stellt man fest, dass viele das E-Auto als "Zweitwagen" angeschafft haben, es aber in Bezug auf die gefahrenen Kilometer schnell zum "Erstwagen" mutiert. Denn die geringen Betriebskosten und die Beschleunigung aus dem Stand heraus sprechen für sich. Und diejenige Fahrten, die sich damit nicht sinnvoll bewältigen lassen, sind doch eher selten.

    Was jedoch bleibt ist die Frage unseres Strommixes. Wenn der Kohlestromanteil so hoch bleibt wie er derzeit ist, werden auch E-Autos nicht viel "sauberer" als Diesel werden.

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