Fluggäste besteigen eine Maschine am Kassel Airport
Fluggäste besteigen eine Maschine am Kassel Airport Bild © readitnow.info

Ein A320 in der Dauer-Warteschleife, Flüge verschoben und ausgefallen: In ihrem ersten Sommer am Kassel Airport haben die einzige Airline und der dazugehörige Reiseveranstalter einen holprigen Start. Trotzdem bekunden sie Lust auf mehr.

Die Sommerferien in Hessen gehen zu Ende. Bei einer Ägypten-Urlauberin aus Nordhessen haben sie offenbar einen Eindruck hinterlassen, der nach Großbuchstaben verlangt. "NIE MEHR SUNDAIR UND KASSEL CALDEN!" schwört die Frau empört .

Marcos Rossello klingt nicht, als ließen ihn solche Reaktionen kalt. Aber er zieht eine ganz andere Bilanz seiner ersten großen Ferien am nordhessischen Regionalflughafen. Rossello ist ja auch Gründer und Chef der Fluggesellschaft Sundair. "Der ein oder andere Gast ist natürlich verärgert, und das tut uns leid. Aber wir haben es alles in allem gut gemeistert", sagt er.

Warten auf den A320

"Es" beschreibt das Problem, dass sein Stralsunder Unternehmen noch immer keine eigene Maschine zur Verfügung hat, um seit Anfang Juli als einzige Airline in Kassel den diesjährigen Sommerflugplan zu bestreiten. Ein von Sundair dem Kassel Airport zugedachter Airbus A320 wird nach längerem Wartungsaufenthalt in Abu Dhabi noch immer in Berlin-Schönefeld umgerüstet. In drei Wochen soll er endlich einsatzbereit und vom Luftfahrt-Bundesamt abgenommen sein.

Mit Hilfe gecharterter Ersatzmaschinen anderer Fluggesellschaften sind laut Rossello im Juli 52 Flugzeuge von Kassel nach Mallorca, Kreta, Fuerteventura oder Ägypten geflogen. Was doch sehr nahe am ursprünglichen Plan von 13 Abflügen pro Woche sei. "Wir hatten im vergangenen Monat rund 7.000 Gäste. Und im August werden es ähnlich viele Flüge werden. Was will man mehr?", fragt Rossello.

Die ruhigen Hähne von Tegel

Vielleicht zwei verlorene Urlaubstage zurück? So viel konnte man nach Rechnung der aufgebrachten Sundair-Kundin im Sommer 2017 verlieren, wenn man wie sie von Calden an den Strand von Hurghada wollte: der Hinflug ans Rote Meer zehn Stunden später als gebucht, der Rückflug dafür 17 Stunden früher. Auch andere ärgerten sich. Mehrere Flüge kamen gar nicht zustande. Sechs waren es im Juli. Gäste, die Kassel nicht zuletzt wegen der Nähe zu ihrem Wohnort gewählt haben dürften, wurden umgebucht auf Flughäfen wie Erfurt, Paderborn, Hannover oder Frankfurt.

Einmal ließ ein Flieger auch noch die Koffer von 100 Fuerteventura-Reisenden in Calden. Das sei unschön, passiere an anderen Flughäfen aber auch, beschwert sich Rossello über seiner Meinung nach unverdiente Negativschlagzeilen: "In Tegel kräht kein Hahn nach so etwas.“

Klein und allein

Aber in Calden ist Sundair eben auch die einzige Airline. Mit zwei angepeilten, aber noch nicht stationierten eigenen Maschinen - einer in Berlin-Tegel, einer in Calden - ist das erst im vergangenen Jahr gegründete Unternehmen obendrein noch recht klein. Und an seinem nicht einmal üppigen Flugbetrieb in Nordhessen hängt die bange Hoffnung, der bisher ausgebliebenen Erfolg möge sich doch noch rettend einstellen. Stand der Regionalflughafen seit der umstrittenen Entscheidung zu seinem Ausbau stets unter verschärfter Beobachtung, steht er inzwischen auf der Kippe. Bei fortgesetzten Fehlschlägen droht die Rückstufung zum gewöhnlichen Flugplatz.

Denn erst kletterten die Baukosten auf mehr als 280 Millionen Euro. Nun lastet Jahr für Jahr ein millionenschweres Bilanz-Defizit auf dem Land Hessen, dem Kreis und der Stadt Kassel sowie der Gemeinde Calden als Flughafengesellschafter. Einen Winter lang kam sogar kein einziger Touristenflug zustande. Auch um den aktuellen Sommerflugplan musste die Flughafenleitung lange zittern - Häme der Dauerkritiker inbegriffen.

Kreta und Ägypten gefragt

"Eine solche Aufmerksamkeit genießen wir nur in Calden", hat Rossello feststellen müssen. Er selbst legt Wert auf den Hinweis, ja kein Anfänger in der Branche zu sein. Lange war er Chef einer Firma, die Airlines spezielle IT-Lösungen lieferte. Hinter seiner neuen eigenen Fluggesellschaft steht als 50-Prozent-Mitinhaber das Duisburger Touristikunternehmen Schauinsland: ein Familienunternehmen mit 100-jähriger Tradition, das nach eigenen Angaben im Touristikjahr 2015/16 einen Umsatz von 1,1 Milliarden Euro und knapp 1,4 Millionen Reiseteilnehmer vorzuweisen hatte.

Anders als bei Sundair scheut man bei Schauinsland den Begriff "Anfangsschwierigkeiten" nicht, wenn es um die Sommerferienbilanz in Calden geht. Von einem Fehlstart will aber auch der Reiseveranstalter nichts wissen. "Die Buchungslage ist gut", heißt es. Vor allem die Flüge nach Kreta und Ägypten sind demnach mit Auslastungen um die 80 bis 90 Prozent gefragt. Zum Teil seien diese Flüge auch ausgebucht.

Frankfurt-Plan verschoben

Der Ärger um die fehlende Maschine und den deshalb durchgerüttelten Flugplan hat aber gerade auf dem Kanaren-Strecken auch zu "einigen Abbuchungen" geführt, wie eine Schauinsland-Sprecherin auf Anfrage einräumt. Ein nachhaltiger Imageschaden sei aber nicht zu befürchten. Sie gehe vielmehr davon aus, dass die Buchungszahlen "noch einmal deutlich anziehen", sobald der A320 von Sundair fest am Kassel Airport stationiert ist.

Das Reiseunternehmern baut nach eigenen Angaben bereits am nächsten Sommerkatalog für Calden. Im Oktober soll er in die Reisebüros kommen. Ursprüngliche Pläne, noch diesen Sommer auch in Frankfurt an den Start zu gehen, haben Schauinsland und Sundair inzwischen zu den Akten gelegt. Eigentlich war sogar ein Start schon im vergangenen April vorgesehen. Nun heißt es dazu: Bis Ende des Jahres soll klar sein, ob von Sommer 2018 an auch in Frankfurt ein Ferienflieger stationiert wird.


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источник www.nl.ua