Fahrgäste an einer Haltestelle für Busse und Straßenbahnen an der Konstalberwache in Frankfurt
Bereits jetzt bis zu 747 Millionen Fahrgäste beim RMV. Bild © picture-alliance/dpa

Hessens Verkehrsminister Al-Wazir hält den Vorstoß für einen kostenlosen öffentlichen Nahverkehr für "nicht durchdacht". Auch Verkehrsunternehmen zweifeln. Eine Stadt jedoch wittert ihre Chance.

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Von wegen kostenlos reisen mit Bus und Bahn: Hessens Verkehrsminister Tarek Al-Wazir (Grüne) reagierte am Mittwoch pikiert auf die , einen kostenlosen öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) in Städten einzuführen - damit die Luft besser wird.

"Einfach zu rufen 'umsonst für alle' scheint mir nicht sonderlich durchdacht", sagte Al-Wazir. Der Bund gebe auf der einen Seite nicht das Geld für den Ausbau der Infrastruktur, auf der anderen Seite mache er unrealistische Versprechungen. Ohne Ticket-Einnahmen fehlten Milliarden. "Ich habe im Koalitionsvertrag den Punkt nicht gefunden, dass der Bund deutschlandweit Geld im Milliardenbereich für den ÖPNV bereitstellen möchte", sagte Al-Wazir.

Auch die Infrastruktur sei zu lange vernachlässigt worden. "Wenn ich mir vorstelle, die Fahrgastzahlen würden sich von einem auf den anderen Tag verdoppeln, wäre das faktisch gar nicht mehr machbar", sagte er. Wir sind jetzt schon an der Kapazitätsgrenze."

RMV: Woher soll das Geld kommen?

Die Kapazitätsgrenze sieht auch der Rhein-Main-Verkehrsverbund (RMV) erreicht. Bis zu 747 Millionen Fahrgäste hat der RMV nach vorläufigen Zahlen 2017 befördert. Das waren noch einmal acht Millionen mehr als im Jahr zuvor.

Deshalb stieß der Vorschlag der Bundesregierung beim RMV auf Entsetzen. "Stellen Sie sich vor, morgens stehen 15 Prozent mehr Leute an der Bahn", beschrieb RMV-Pressesprecher Sven Hirschler das Szenario. Die Bahnsteige wären überfüllt, Menschen würden nicht in die Wagen passen. "Wir sind jetzt schon auf Mittel wie die Einstiegslotsen angewiesen."

Schon jetzt gibt es nach Angaben des RMV zu den Hauptverkehrszeiten nach Frankfurt hinein und hinaus fast keine Kapazitäten mehr. "Die Züge sind jetzt schon so lang wie die Bahnsteige lang sind", sagte Hirschler. Die jährlichen Einnahmen durch verkaufte Tickets liegen im Rhein-Main-Gebiet bei rund 900 Millionen Euro pro Jahr, berichtete der RMV-Pressesprecher. "Die Frage ist: Woher soll das Geld dann kommen?"

HEAG mobilo hat Wunschliste

Das Darmstädter Verkehrsunternehmen HEAG mobilo zeigte sich grundsätzlich offen gegenüber der Idee eines für den Kunden kostenfreien ÖPNV. Es sei jedoch schwer abzuschätzen, wie viele Menschen vom Auto auf den Nahverkehr umsteigen würden, sagte Pressesprecherin Silke Rautenberg. Dabei sei nicht nur der Preis entscheidend, sondern auch eine gute Verbindung: "Wenn jemand vom Taunus nach Darmstadt möchte und dann mehrmals umsteigen muss, ist es nicht so wahrscheinlich, dass er auf den Nahverkehr umsteigt."

Ein dichterer Takt und zusätzliche Straßenbahnverbindungen sind nach Angaben von HEAG-Sprecherin Rautenberg aber möglich und auch dringend gewünscht. Wie zum Beispiel eine Straßenbahnverbindung in den östlichen Landkreis, damit die Leute aus dem Umland in die Stadt hinein kommen. "Dafür gibt es aber im Moment keine Zuschüsse", sagte sie.

Haltestelle am Darmstädter Luisenplatz
Reisende in Darmstadt: Seit Jahren steigende Fahrgastzahlen. Bild © HEAG mobilo

Oder eine Straßenbahnverbindung zwischen Hauptbahnhof und Universität. Die Wunschliste ist lang. Um noch mehr Fahrgäste zu befördern, bräuchte das Verkehrsunternehmen unter anderem mehr Busse und Straßenbahnen, mehrere Jahre Vorlauf und sehr viel Geld.

Auch die HEAG verzeichnet seit Jahren steigende Fahrgastzahlen. Sie befördert im Jahr nach eigenen Angaben knapp 50 Millionen Fahrgäste und hatte im vergangenen Jahr einen Rekordzuwachs von mehr als sechs Prozent. Die Fahrgeldeinnahmen machen 35 Millionen Euro im Jahr aus. "Dieser Betrag müsste ersetzt werden", sagte die Sprecherin.

Verkehrsclub: Kfz-Verkehr an Kosten beteiligen

Beim Verkehrsclub Deutschland ist die Reaktion verhalten. "Wir begrüßen günstigeren ÖPNV und die Möglichkeit, dass jeder auch ohne Auto mobil sein sollte", sagte Heiko Nickel, Sprecher des Verkehrsclubs Deutschland (VCD) in Hessen. Ein attraktiver ÖPNV sei die richtige Antwort auf die Luftverschmutzung in den Städten. Dennoch hält der Verein den Vorschlag der Bundesregierung für unrealistisch. "Wenn noch mehr Leute zusteigen sollten, geht es nicht. Die Politik hat in den letzten Jahrzehnten den Ausbau verschlafen."

In Sachen Finanzierung des kostenlosen ÖPNV hingegen sieht der VCD durchaus Möglichkeiten: Sollten mehr Menschen auf ihr Auto verzichten, würde man sparen, weil die Straßen nicht so schnell verschleißen. Und: Eine Fahrt mit dem ÖPNV solle grundsätzlich nicht mehr kosten als eine mit dem Auto. Würde man den Kfz-Verkehr an seinen Kosten stärker beteiligen, dann könnte auch der ÖPNV günstiger werden, sagte VCD-Sprecher Nickel.

Hanau wittert eine Chance

Ein Sprecher des Bundesumweltministeriums sagte inzwischen, die Bundesregierung sei bereit, den "Gestaltungsspielraum" der Kommunen zu erweitern. Eine Förderung sei denkbar, falls es sinnvoll erscheine, ein vorübergehendes Gratis-Angebot beim ÖPNV zu machen.

Ein Vorschlag, auf den Hanaus Oberbürgermeister Claus Kaminsky (SPD) am Mittwoch erfreut reagierte. Er erklärte, Hanau werde gerne Modellstadt für den Gratis-ÖPNV - unter der Voraussetzung , dass die Fahrgeldeinnahmen der Hanauer Straßenbahn (HSB) von jährlich rund sieben Millionen Euro ebenso übernommen würden wie der Aufwand für neue Busse und Busfahrer.

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28 Kommentare

  • Grundsätzlich eine gute Idee, die man aus Kostengründen in kleineren Städten testen kann. Für die Bereitstellung damit
    die Sache testweise funktioniert, muss viel Geld in die Hand genommen werden.
    In Großstädten ist die Sache kurzfristig überhaupt nicht möglich. Hier muss erst ein Mal ein Masterplan gemacht werden, dann wird man/frau schnell feststellen, dass das ganze eine Kostenexplosion in Gang setzt. Das klingt alles erste ein Mal gut. Aber nur theoretisch, es wird noch viele Jahre dauern, bis zu ein Experiment
    klappt. Viele Pendler würden sich das wünschen, wenn sie sich mal hinsetzen und das für und wider diskutieren werden
    sie merken, dass es hinten und vorne nicht klappt. Ich weiß wovon ich rede, ich bin über 25 Jahre in das Rhein-Main Gebiet gependelt. D. h. Jeden Tag 200 km
    In sechs Jahren 350.000 Km mit einem
    Auto gefahren. Es waren oft am Arbeitsplatz noch 40/50 KM dazu gekommen. Es ging nicht habe in der ganzen Zeit zwei Mal mit DB und ÖPNV
    probiert.

  • Dem ÖPNV in den Rücken gefallen: Tarek Al-Wazir

    Hessens Verkehrsminister #Tarl Al-Wazir gibt sich wenig begeistert von der Idee des kostenlosen ÖPNV, die im Zusammenhang mit zunehmender #Luftverschmutzung und #Flächenverschleiß durch den #Individualverkehr geprüft werden soll.
    Das ist mehr als erstaunlich, zumal er den Grünen zugehört. Noch erstaunlicher ist seine Argumentation. Den Rückstau in den Strukturen, sprich: fehlende und schlechte Verbindungen, mangelnden Service, und so weiter, als Begründung dafür herzunehmen, dass keine Gelder für Umsonst- Angebote da seien, ist – mit Verlaub – hanebüchen. Der Rückstau zeugt ja gerade davon, dass jahrzehntelang zu wenig investiert wurde – in den 80ern wurde reihenweise sogar Gleise abgerissen – und dass einseitig in die #Straßeninfrastruktur sehr viel Geld eingebracht wurde.
    Stellen Sie sich vor, ein #Dreieicher Politiker würde argumentieren, dass die #August-Bebel-Straße aus dem letzten Loch pfeift, und dass kein Geld für die Reparatur

  • Das ist eine echt Grandiose Idee,denn wir sind ein sehr reiches Land.Das sollte kein Problem sein,wir schaffen das. !

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