Tina Hermann im Eiskanal
Tina Hermann stürzt sich in die olympische Saison. Bild © Imago

Sie ist die Speed-Queen dieses Winters: Tina Hermann will für Hessen Olympia-Gold im Skeleton holen. Dafür stürzt sie sich mit 140 km/h in den Eiskanal – und bereitet sich vor wie ein Zombie.

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Eigentlich ist es nur eine Trainingsfahrt. Eine von vielen in diesem Winter. Doch plötzlich bleibt Tina Hermann kurz vor dem Start stehen. Sie schließt die Augen, nimmt den Kopf nach unten, lässt die Arme nach vorne baumeln. Die 25-Jährige wirkt wie ausgestopft. Eine Minute lang steht sie da. Wie in Trance. Ihr Oberkörper bewegt sich sachte, immer wieder zucken ihre Schultern. Die Rolle des Zombies in einem Horrorfilm würde man genauso spielen. Abwesend, ungelenk, in seiner eigenen Welt. Doch Zombies kann man mit dem, was Tina Hermann gleich erleben wird, nun wirklich nicht vergleichen. Dagegen sind sie Pipifax.

Die junge Frau aus Hessen ist nämlich Skeleton-Pilotin. Eine ziemlich gute noch dazu. Und was da kurz vor ihrem Start am Eiskanal so komisch aussieht, ist nichts anderes als Konzentration. Jede Kurve der Bahn geht Hermann nochmal durch, jeden Zentimeter. Selbst im Training. Denn ziemlich gut heißt im Skeleton auch ziemlich schnell. Für viele Sportler ist das nichts Außergewöhnliches, sie lieben Speed und Tempo. Aber unter den Geschwindigkeit-Freaks sind die Skeletonis wahrscheinlich die Beklopptesten. Mit bis zu 140 Stundenkilometer heizen sie durch den Eiskanal, auf dem Bauch liegend, mit dem Kopf voraus. Auf so eine Idee muss man erst einmal kommen.

"Wir sind alle ein bisschen verrückt"

Tina Hermann lacht. Solche Dinge hört sie öfter. "Wir sind alle ein bisschen verrückt – sonst würden wir so etwas nicht machen", sagt Hermann. Aber wirklich gefährlich sei das alles ja nicht. Man könne auch mal stürzen, klar. Ansonsten blieben aber meist nur blaue Flecken. "Irgendwo langzubrettern und die Geschwindigkeit zu spüren, macht einfach Riesenspaß", erzählt Hermann. Im Februar, bei den Olympischen Spielen in Pyeongchang, ist sie eine der heißesten Kandidatinnen auf den Sieg. Mit blauen Flecken zur goldenen Medaille. Sozusagen.

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Hermann: Lebenslage Sperren für Doping-Täter

In der Diskussion um den Ausschluss russischer Athleten bei den Olympischen Spielen im Februar zeigt Tina Hermann klare Kante. "Wenn das alles so stimmt, dann gehören die gesperrt und dürften meiner Meinung nach nie wieder Leistungssport betreiben", sagte Hermann dem hr-sport. Im Skeleton ist unter anderem der Olympiasieger von 2014, Alexander Tretjakow, wegen Dopingbetrugs von den kommenden Spielen ausgeschlossen. "Am meisten tun mir diejenigen leid, die um eine Goldmedaille betrogen wurden", so Hermann. "Das musst du erst einmal verarbeiten."

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Angefangen hat die Karriere von Tina Hermann ganz beschaulich in Hirzenhain, einem kleinen verschlafenen Nest im Lahn-Dill-Kreis. Irgendwie hat man dort, ziemlich ungewöhnlich für Hessen, ein Faible für den Wintersport entwickelt. Es gibt einen Skilift, eine Skisprungschanze und auch einen der ältesten Skiklubs in Deutschland. Und so kam es, dass auch Tina Hermann bald auf Skiern stand, die Piste hinuntersauste, zumal ihr Papa auch noch der erste Vorsitzende des Vereins ist. Mit zwölf Jahren entschied sie sich dann, auf ein Sportinternat nach Bayern zu wechseln. Der Winter ist in Hessen eben doch recht kurz und die Berge ziemlich flach. Trotzdem sagt Hermann: "Hessen ist immer meine Heimat geblieben."

Sofort verliebt

In Bayern jedenfalls muss sie ihre alpinen Pläne bald begraben. Nicht gut genug für die absolute Spitze. Mit 15 will die junge Hessin eigentlich nur noch ihr Abitur machen und nebenbei ein bisschen Fußball spielen, als sie Freunde mit an die Eisbahn nehmen. Bob, Rodeln – das kannte sie. Aber Skeleton? Keine Ahnung. "Ich lag dann plötzlich auf dem Schlitten, habe nur gedacht: Oh meint Gott! Wie soll das funktionieren?" erinnert sie sich. Der Kopf, nur wenige Millimeter über dem Eis, sei ständig am Boden aufgetitscht. "Aber als ich unten war, wusste ich sofort: Das ist mein Ding! Ich habe mich direkt verliebt." Aus der ersten Fahrt wurden an diesem Tag sechs weitere und aus dem alpinen Skitalent einige Jahre später eine Weltmeisterin im Skeleton.

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2016 gewinnt sie in Innsbruck Igls den Titel, sichert sich am Ende der Saison auch noch den Gesamt-Weltcupsieg. Unfassbar. Überragend. Danach, so Hermann, habe sie erst einmal wieder lernen müssen, was es heißt, ein Rennen nicht ganz oben auf dem Treppchen zu beenden. Doch in dieser Saison ist sie wieder da, zwei Podestplätze zum Auftakt in Nordamerika. Das lässt sich gut an. Beim ersten Heim-Weltcup in Winterberg am Freitag soll nun auch der erste Sieg folgen. Der Auftakt in den Olympia-Winter wäre perfekt.

Gold wäre der größte Traum

In Pyeongchang, Südkorea, hat sie im Februar schließlich Großes vor. Hermann zählt neben ihrer Teamkollegin Jacqueline Lölling zu den Topfavoriten auf den Sieg. Die anspruchsvolle Bahn sollte ihr liegen. Eine Goldmedaille, so Hermann, würde sie wahrscheinlich erstmal sprachlos machen. Kopfüber ins Glück. "Das ist der größte Traum, den du dir erfüllen kannst. Mehr geht nicht", schwärmt Hermann. Eines ist sicher: Ihre Konzentrationsübung mit dem gesenkten Kopf und den zuckenden Schultern wird sie auch vor ihrem Olympia-Start machen. Das ist so Usus unter Skeletonis. Aber sollte Tina Hermann anschließend tatsächlich der große Coup gelingen, sie wäre mit Sicherheit unter all den Zombies der goldigste.