John Degenkolb bei der Tour de France
John Degenkolb ist der König des Kopfsteinpflasters. Bild © picture-alliance/dpa

Der Kopfstein-König kommt aus Oberursel: John Degenkolb gewinnt in Roubaix seine erste Tour-de-France-Etappe und stoppt damit eine jahrelange Pechsträhne. Im Moment des Erfolgs will er nur eins: schnell zur Familie.

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Die ebenso schmerzhafte wie turbulente Geschichte von John Degenkolb beginnt im April 2015. Der Oberurseler triumphierte damals beim Frühjahrs-Klassiker Paris-Roubaix und wähnte sich auf bestem Weg in die absolute Weltspitze des Radsports. Statt weiterer großer Erfolge prägten fortan allerdings Stürze und Rückschläge die Karriere des 29-Jährigen, bei einem schweren Trainingsunfall im Januar 2016 verlor er fast seinen linken Zeigefinger und für längere Zeit die Form. "Jeder hat doch gesagt, ich bin am Ende", sagte Degenkolb, nachdem er am Sonntag mit seinem ersten Etappensieg bei der Tour de France das Gegenteil bewiesen hatte.

Alles wie im Märchen

In Roubaix, also genau in dem Ort, in dem Degenkolb vor etwas mehr als drei Jahren schon einmal jubelnd auf der obersten Stufe des Treppchens gestanden hatte, schloss sich der Kreis. Ausgerechnet in der von vielen Radprofis gefürchteten "Hölle des Nordens" beendete Degenkolb seine langjährige Leidenszeit, ein Deja-vu der großen Gefühle: "Ich hatte eine unfassbar schwere Zeit. Es ist schwer, das jetzt alles in Worte zu fassen", schluchzte der Mann des Tages am ARD-Mikrofon. Freudentränen in den Augen, einen kürzlich verstorbenen Freund der Familie im Kopf. "Dieser Sieg ist für ihn."

Dass sich Degenkolb für seinen sportlich wie emotional gleichermaßen bahnbrechenden Befreiungsschlag den 156,5 Kilometer langen Teilabschnitt von Arras nach Roubaix auserkoren hatte, war dabei kein Zufall. "Das ist einfach sein Terrain. Er war der logische Sieger", kommentierte ARD-Radsportexperte Florian Naß. Kopfsteinpflaster, enge Gassen, jede Menge Staub und immer wieder Stürze im Feld. Sobald es ruppig wird, ist Degenkolb voll in seinem Element und zur Stelle. "Die Art und Weise, wie ich den Sieg geholt habe, und wo ich ihn geholt habe, das ist für mich wie ein Märchen."

Das perfekte Drehbuch

Sechs Kilometer vor dem Ziel setzte sich Degenkolb gemeinsam mit dem Gesamtführenden Greg Van Avermaet (Belgien/BMC Racing) und dessen Landsmann Yves Lampaert (Quick-Step-Floors) entscheidend vom Hauptfeld ab. Im Schlussspurt, den der Hesse von vorne fahren musste, ließ er seinen beiden Konkurrenten dann keine Chance und flog mit weit aufgerissenem Mund und in den Himmel gestreckten Armen über den Zielstrich. Wenige Sekunden später fiel er einem Team-Betreuer in die Arme und weinte. "Man hat einfach seinen unbedingten Willen gespürt", so Naß. "Er hat sich mit diesem Erfolg befreit. So wie er hat sich noch niemand bei dieser Tour gefreut." Kein Wunder.

John Degenkolb bei der Tour de France
John Degenkolb bejubelt seinen ersten Tour-Etappensieg. Bild © Imago

Denn seit dem bereits erwähnten Sieg bei Paris-Roubaix und dem vorangegangenen Erfolg bei Mailand-Sanremo war es für Degenkolb stetig bergab gegangen. Der verhängnisvolle Zusammenprall mit einem Auto im Januar 2016 hinterließ körperliche und seelische Narben. Nach seinem Wechsel 2017 von Giant-Alpecin zu Trek-Segafredo musste Degenkolb, der als Kapitän nominiert war, seinen Start bei der Straßen-WM wegen Herz- und Lungenproblemen absagen. Ein Sturz im Vorfeld der Tour – ausgerechnet bei Paris-Roubaix – kostet ihn einige Wochen wertvolles Training. Ein harte Zeit, die Degenkolb nur dank der großen Unterstützung aus seinem Umfeld überstand.

Ein ganzer Tag mit der Familie

Seine Frau Laura und die beiden Kinder gaben ihm Kraft, seine Eltern fördern die Karriere ihres Sprösslings ohnehin schon seit den ersten wackligen Fahrversuchen. "Meine ganze Familie stand immer hinter mir und hat mich supportet. Jetzt konnte ich ihnen etwas zurückgeben", so Degenkolb, der sich unmittelbar nach der Siegehrung ins Flugzeug setzte und zu seinen Liebsten jettete. "Ich freue mich so sehr, später meine Frau und meine zwei Kinder in die Arme zu schließen. Das ist das Beste, was ich mir im Moment vorstellen kann."

Dank des Rennkalenders wird Degenkolb die Zusammenkunft sogar richtig auskosten können: Montag ist Ruhetag. Erneut perfektes Timing.