Pamela Dutkiewicz
Pamela Dutkiewicz ist bei den Leichtathletik-Weltmeisterschaften überraschend Dritte geworden. Bild © Imago

Pamela Dutkiewicz holte am Samstag überraschend im 100-Meter-Hürden-Finale der Leichtathletik-WM Bronze. Anstatt das danach zu feiern, verbrachte die 27-Jährige aus Kassel die Nacht bei der Dopingkontrolle.

Videobeitrag

Video

zum Video So emotional jubelt Pamela Dutkiewicz nach WM-Bronze

Ende des Videobeitrags

Als Pamela Dutkiewicz für das verabredete Gespräch mit dem hr-Sport ans Telefon geht, gesteht sie: "Ich habe bis eben geschlafen." In London ist es mittlerweile Mittagszeit. Doch die frischgebackene Bronzemedaillengewinnerin musste keine durchzechte Nacht auskurieren, im Gegenteil: Sie kam noch gar nicht zum Feiern. Im Interview spricht die Hürdenläuferin am Tag nach ihrem großen Erfolg über das Rennen, den Trubel danach und eine Nacht im geisterhaft leeren Stadion.

hr-Sport: Frau Dutkiewicz, es gibt ein Video, das Sie im Ziel zeigt, kurz nach Ihrem Bronze-Gewinn, in dem Sie von Ihrem Freund gedrückt und geküsst werden. Sie wirken darin ganz aufgelöst – was ging in Ihnen zu diesem Zeitpunkt vor?

Videobeitrag

Video

zum Video Das Finale im Hürdensprint - Dutkiewicz auf Bahn vier

Ende des Videobeitrags

Dutkiewicz: Ja, das war verrückt. Ich bin über die Ziellinie gelaufen und habe gedacht: Das war ganz gut, du warst vorne mit dabei, wahrscheinlich wird es der vierte Platz sein. Dann habe ich ganz beiläufig hoch auf die Videoleinwand geschaut und in dem Moment erschien mein Name und Platz drei. Ich war völlig überwältigt und wusste gar nicht wohin mit mir. Ich habe dann Maiks Stimme gehört (Anm. d. Red. Freund von Dutkiewicz) und bin sofort zu ihm rüber gelaufen. Das waren wirklich Emotionen pur. Wenn ich an diesen Moment zurückdenke, dann habe ich alles viel, viel schneller erlebt – wie in einem Film. Ich habe das Video mittlerweile gesehen und erst da so richtig erkannt, wer alles um mich herumstand.

hr-Sport: Sie konnten sich mit 12,72 Sekunden Bronze holen. Es war zwar kein Lauf mit neuer Persönlicher Bestzeit (12,61 Sekunden), dennoch scheinen Sie ja einiges richtig gemacht zu haben unterwegs. Wie haben Sie das Rennen in Erinnerung?

Dutkiewicz: Wir haben das Rennen mittlerweile ausgewertet und ich bin noch nie so langsam an die erste Hürde gelaufen. Ich kann nicht sagen, ob das von Vorsicht geprägt war, oder weshalb (Anm. d. Red.: Im Halbfinale provozierte Dutkiewicz fast einen Fehlstart). Ich wollte bei diesem Rennen auf jeden Fall nichts anders machen als sonst auch, ganz nach dem Motto "never change a winning system". Ab Hürde vier oder fünf habe ich dann realisiert, dass ich vorne mitlaufe und angefangen zu denken: "Ich kriege die!" Aber das ist falsch, das musst du im Lauf ausblenden. Ich bin dann auch direkt gegen die nächste Hürde gerannt. Hinten raus gab’s dann nur noch Vollgas bis ins Ziel.

hr-Sport: Und mit ihrem beherzten Wurf ins Ziel haben Sie dann ja auch Bronze klar gemacht. Wurde denn gestern Abend noch ordentlich die Medaille gefeiert?

Dutkiewicz: Nein, dazu kam ich noch gar nicht. Erst standen viele Pressetermine an und dann die Siegerehrung. Für die hatte ich nicht mal den passenden Trainingsanzug dabei, weil ich überhaupt nicht damit gerechnet habe, auf dem Podium zu landen. Sally Pearson, die Siegerin, meinte zu mir: "You always have to expect it!" ("Du must immer damit rechnen") Mir wurde mein Deutschland-Anzug noch schnell gebracht und dann konnte es losgehen. Den Rest des Abends habe ich dann bei der Dopingkontrolle verbracht. Die Urinprobe muss für die Auswertung immer eine gewisse Dichte haben. Ich musste bestimmt vier Proben geben, bis die stimmte. Dann war es schon drei Uhr nachts.

hr-Sport: Hat Sie das nicht geärgert, so Ihren Erfolgsabend verbringen zu müssen?

Dutkiewicz: Erst schon. Aber dann sagte Rico Freimuth (Anm. d. Red.: Gewinner Silbermedaille im Zehnkampf), der auch bei der Dopingkontrolle saß: "Egal, du hast eine Medaille gewonnen. Alles andere ist wurscht!" Und es gab die ersten ruhigen Momente. Ich durfte ja das Stadion nicht verlassen und bin dann dort noch mal rumgelaufen. Alle Zuschauer waren weg und es herrschte eine große Stille.

hr-Sport: Haben Sie denn mittlerweile realisieren können, dass Sie die Bronzemedaillen-Gewinnerin einer Weltmeisterschaft sind?

Dutkiewicz: Ich glaube, das dauert noch ein paar Tage. Ich bin in einem Zustand zwischen glücklich und müde. Ich habe letzte Nacht nach der Dopingkontrolle lange nicht einschlafen können, so voller Adrenalin war ich. Ich habe nur gut zwei Stunden geschlafen. Aber heute geht es trotzdem mit meinem Freund in die Stadt, ein bisschen was von London sehen. Und dabei werden wir auch das erste Mal auf die Medaille anstoßen.

Das Gespräch führte Christiane Klopsch (hr-sport)