Cenk Tosun bei seiner Verabschiedung von den Istanbuler Fans. Der 26-Jährige geht ab sofort für den FC Everton auf Torejagd.
Cenk Tosun bei seiner Verabschiedung von den Istanbuler Fans. Der 26-Jährige geht ab sofort für den FC Everton auf Torejagd. Bild © Imago

Vom Ablöse-Irrsinn in England profitiert jetzt auch die Eintracht: Ein Teil der kolportierten 30 Millionen Euro, die der FC Everton für die Dienste von Cenk Tosun nach Istanbul überweist, geht nach Frankfurt. Dort ist man wehmütig.

Seinen Marktwert hat Cenk Tosun innerhalb von sieben Jahren mal eben versechzigfacht. 2011 für 500.000 Euro aus Frankfurt nach Südostanatolien verschifft, hat sich der ehemalige Eintracht-Stürmer bei seinen Stationen Gaziantepspor und Besiktas derart ins Rampenlicht geschossen, dass der FC Everton nun wohl 30 Millionen Euro für seine Dienste hinblättert. Das gab der Premier-League-Club am späten Freitagabend auf seiner Homepage bekannt. Der 26-Jährige erhielt einen Vertrag bis 2022.

Vom Ablösewahn der Premier League profitiert in diesem Fall auch die Eintracht. Weil Tosun bereits in der Jugend aus seiner Wetzlarer Heimat nach Frankfurt gewechselt war und somit fünf Jahre das Frankfurter Trikot trug, haben die Hessen Anspruch auf einen Teil der Ablösesumme in Höhe von rund einer halben Million Euro. Errechnet wird dieser sogenannte Solidaritätsbeitrag anhand der Dauer der Ausbildung und des Alters, in dem Tosun bei der Eintracht aktiv war.

Can und Tosun in direkter Nachbarschaft

"Ich freue mich erstmal richtig, dass mit Emre Can beim FC Liverpool und Cenk Tosun zwei Spieler aus unserem Nachwuchsleistungszentrum in der Premier League spielen und dort auch noch in der gleichen Stadt wohnen", sagte Armin Kraaz dem hr-sport.

Der Leiter des Nachwuchsleistungszentrums am Riederwald sieht natürlich auch die finanzielle Komponente. Schließlich ist es nicht alltäglich, dass einem eine sechsstellige Summe in den Schoß fällt. Wer letztlich davon profitiert, ob Nachwuchs, Profifußball oder gar alle Abteilungen des Vereins, müssten die Verantwortlichen nun im gemeinsamen Gespräch entscheiden.

Teurer Skibbe-Irrtum

So groß die Freude über den unerwarteten Geldsegen auch ist: Einigen der damaligen und heutigen Frankfurter Handlungsträger dürfte angesichts von Tosuns Entwicklung schwindelig werden. Mit acht Toren in der Süperlig und vier weiteren in der Champions League hat sich Tosun im abgelaufenen Halbjahr für höhere Aufgaben beworben – und ist damit seiner Frankfurter Vergangenheit endgültig entwachsen, trotz ungebrochener Zuneigung zu seinem Jugendverein.

Im Nachhinein muss man sagen: Der damalige Frankfurter Bundesliga-Trainer Michael Skibbe hat das Talent des türkischstämmigen Stürmers schlicht böse unterschätzt. 15 Minuten Bundesliga-Luft durfte Tosun am letzten Spieltag der Saison 2009/10 schnuppern, mehr sollten in dem darauffolgenden Halbjahr bis zu seinem Abschied nicht hinzukommen. Unter Skibbe, der die Gekas', Altintops und Fenins favorisierte, sah Tosun keine Entwicklungsmöglichkeiten.

Cenk Tosun beim Eintracht-Training
Lang ist's her: Bei der Eintracht durfte Tosun sein Können meist nur im Training zeigen. Bild © Rhode/Storch (Archiv)

NLZ-Chef Kraaz sieht seine Entwicklung daher mit einem lachenden und einem weinenden Auge: "Cenk hat ja schon in den Jugendmannschaften bei uns Tore am Fließband geschossen. Insofern kommt seine Karriere nicht wirklich überraschend." Der Verein freue sich über jeden ehemaligen Eintracht-Spieler, der es im Profifußball schafft, so Kraaz. "Noch mehr würden wir uns allerdings darüber freuen, wenn sie es alle bei uns schaffen würden."