Armin Kraaz
Armin Kraaz sieht Nachholbedarf beim Eintracht-Nachwuchs. Bild © Imago

Trotz großer Bemühungen schaffen bei Eintracht Frankfurt kaum Talente den Durchbruch. Im Interview spricht Nachwuchschef Armin Kraaz über die Gründe, die Rolle von Ex-Trainer Niko Kovac und die erschwerte Kommunikation mit Koordinator Marco Pezzaiuoli.

Das vergangene Jahr war für den Nachwuchs der Frankfurter Eintracht eines zum Vergessen: Mit U19-Trainer Alexander Schur wurde ein Urgestein des Clubs wegen Erfolglosigkeit entlassen. Letztlich bibberte die A-Jugend bis zur allerletzten Sekunde um den Klassenerhalt. Bei den Profis machte kein Talent aus dem Nachwuchsleistungszentrum (NLZ) auf sich aufmerksam. NLZ-Leiter Armin Kraaz sieht Nachholbedarf, wie er im Interview verrät.

readitnow.info: Herr Kraaz, Niko Kovac ist Vergangenheit bei Eintracht Frankfurt. Wie fällt Ihr Fazit der Zusammenarbeit aus?

Kraaz: Niko Kovac hat frischen Wind bei der Eintracht reingebracht. Er hatte einen größeren Bezug zur Jugendarbeit als seine Vorgänger. Seit 2016 gab es daher – auch durch Fredi Bobic – viele Veränderungen. Das Trainerteam war häufiger präsent, auch Scout Ben Manga kam vorbei. Immer dann, wenn die Profis kein Spiel hatten, war jemand am Riederwald.

readitnow.info: Was hat das bewirkt?

Kraaz: Durch diese Sichtbarkeit wurden unsere Talente motiviert. Es gab aber auch technische Veränderungen. Wir haben jetzt eine gemeinsame Datenbank mit den Profis, in der etwa Scouting-Maßnahmen, Leistungsdiagnostik oder Trainingsinhalte abgespeichert sind. Die Verantwortlichen aus Jugend- und Profiabteilung haben darauf Zugriff.

readitnow.info: Das klingt alles sehr gut, aber war Niko Kovac wirklich der Jugendförderer? Bis auf Aymen Barkok, der nach starkem Beginn in der vergangenen Saison keine große Rolle mehr spielte, hat keiner den Sprung geschafft.

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„Es zeigt, dass unsere Talente noch besser vorbereitet zu den Profis kommen müssen.“ Zitat von Armin Kraaz über den eigenen Nachwuchs
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Kraaz: Natürlich wollen wir, dass mehr junge Spieler mitwirken. Marc Stendera war vor seinen Verletzungen schon Leistungsträger, auch Aymen Barkok hat schon 27 Bundesligaspiele absolviert. Da wünschen wir uns natürlich, dass es noch mehr werden. Aber der Trainer hatte eine Spielidee und Philosophie, in die junge Talente vielleicht nicht reinpassten. Die Arbeit und Entscheidungen von Kovac waren aber sehr erfolgreich, wie die vergangenen beiden Saisons gezeigt haben. Es gibt daher keinen Anlass, ihn deshalb in irgendeiner Art und Weise zu kritisieren. Im Gegenteil: Es zeigt, dass unsere Talente noch besser vorbereitet zu den Profis kommen müssen.

readitnow.info: Was erhoffen Sie sich von Kovacs Nachfolger Adi Hütter? Er hat ja vor allem bei RB Salzburg einige Rohdiamanten geschliffen.

Kraaz: Das, was man vom ihm hört, ist positiv. Er ist einen tollen Weg gegangen und hatte bei seiner Antritts-Pressekonferenz auch eine gute Ausstrahlung. Ich erwarte und hoffe natürlich, dass das Interesse am Jugendfußball vorhanden, er kommunikativ ist und die U19-Spieler weiterbringen will. Aber ich denke nicht, dass Bobic jemanden verpflichtet hätte, der gegen diese Linie geht. Am Ende des Tages entscheidet immer die Leistung und nicht, wie jung oder alt jemand ist.

Aymen Barkok und Marc Stendera
Die Eigengewächse Aymen Barkok (l.) und Marc Stendera schafften zuletzt nur selten den Sprung auf den Rasen. Bild © Imago

readitnow.info: Wie hat sich die Jugendarbeit allgemein entwickelt?

Kraaz: Das hat mit der Eröffnung der Leistungszentren 2004 einen Spin aufgenommen. Es geht vom Tempo her zu wie bei den Profis, sehr rasant. Das ist nicht immer gut, aber man kann die Zeit nicht zurückdrehen. Jugendliche werden gekauft, verkauft, zurückgekauft, es gibt viele Klauseln und ein dickes Vertragswerk - es ist eben viel Geld im Fußball, was nicht gut ist für die Entwicklung der Jugend. Schon in dem Bereich werden hohe Ablöse und Gehälter bezahlt. Die Etats haben sich bei den Profis - übertrieben gesagt - verdoppelt. Ein durchschnittlicher Spieler, der früher 500.000 Euro verdient hat, bekommt jetzt eine Millionen Euro. Das merkt natürlich auch der Jugendfußball.

readitnow.info: Inwiefern?

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„Jungprofis verdienen bereits mit 21 oder 22 Jahren im Monat so viel wie die Eltern wahrscheinlich im ganzen Jahr.“ Zitat von Armin Kraaz über die Entwicklung im Fußball
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Kraaz: Jungprofis verdienen bereits mit 21 oder 22 Jahren im Monat so viel wie die Eltern wahrscheinlich im ganzen Jahr. Dann gibt es bei den Profis das Umfeld: Viele Schulterklopfer, gestandene Profis, die einen teuren Lebensstil haben. Dem eifern die Jugendlichen nach. Die Gefahr besteht dann natürlich, dass die Jungs die Bodenhaftung verlieren.

readitnow.info: Wie genau teilt sich die Arbeit zwischen Ihnen und dem neuen Technischen Direktor Marco Pezzaiuoli auf?

Kraaz: Marco hat natürlich keine einfache Rolle, was an der räumlichen Trennung von Riederwald und AG liegt. Er gibt aber unheimlich viel sportlichen Input. Es war aber noch schwierig, innerhalb so kurzer Zeit zum Beispiel eine Spielkonzeption zu verändern. Zudem haben die Probleme bei der U19 alles überlagert. Er konnte aber alles kennenlernen und wird für die kommende Spielzeit einiges ändern. Danach kann man dann schon eher ein Fazit ziehen. Die Aufgaben teilen wir uns auf, er ist überwiegend für den sportlichen Bereich zuständig.

readitnow.info: Wie läuft die Kommunikation zwischen Ihnen ab?

Kraaz: Meinungsverschiedenheiten und Diskussionen sind in jedem Geschäft ganz normal, schließlich geht es um die Sache. Wir haben beide langjährige Erfahrungen sammeln können und am Ende geht es immer um das gemeinsame Ziel. Wir wollen Nachwuchsspieler an die Profis heranführen.

Das Gespräch führte Christopher Michel, hr-sport