Lukas Hradecky und die Eintracht waren in Wolfsburg fast jederzeit Herr der Lage.
Lukas Hradecky und die Eintracht waren in Wolfsburg fast jederzeit Herr der Lage. Bild © picture-alliance/dpa

Sébastien Haller gibt eine Lehrstunde in Sachen Strafraumbeherrschung, die Flügelzange sammelt weiter Pluspunkte, und im stillen Kämmerlein träumt Frankfurt wieder vom Europapokal. Der Sieg der Eintracht beim VfL Wolfsburg in fünf Punkten.

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Nächstes Auswärtsspiel, nächster Sieg: Die Frankfurter Eintracht hat mit 3:1 (2:0) in Wolfsburg gewonnen und dabei zeitweise richtig guten Fußball gespielt. Sébastien Haller (18. Minute), Timothy Chandler (22.) und Luka Jovic (85.) trafen für die Hessen. Maximilian Arnold erzielte per Freistoß das Tor des Tages für schwache Gastgeber (66.).

Haller wie im Lehrbuch

Sollte es noch einen Beweis benötigt haben, dass sich die Frankfurter im Sommer einen richtig guten Mittelstürmer geangelt haben, so hat Sébastien Haller ihn in Wolfsburg erbracht. Exemplarisch sein Tor zum 1:0 in der 18. Minute: Haller wird am Fünfereck bedient und hält Bewacher Marcel Tisserand, mit seinen 1,91 Metern alles andere als ein Leichtgewicht, mühelos mit dem Arm auf Distanz. Eine schnelle Drehung und einen humorlosen Abschluss der französischen Sturmkante (1,90 Meter) später schlägt der Ball auch schon unhaltbar neben dem kurzen Pfosten im Tor ein.

Ein Treffer aus dem Lehrbuch für Strafraum-Stürmer – und wettbewerbsübergreifend bereits Hallers zwölfter in dieser Saison. "Damit bin ich für diesen Zeitpunkt sehr zufrieden", sagte der Angreifer und ergänzte beinahe schon drohend: "Solche Tore kann ich noch öfter schießen." Der Assist für Joker Luka Jovic zum 3:1-Endstand bedeutete zudem Hallers fünfte Torvorbereitung. Auch dieser Wert kann sich sehen lassen. Zur Erinnerung: Wir befinden uns erst im Januar.

Die neue Flügelzange sammelt Scorerpunkte

Rechts Marius Wolf, links Timothy Chandler – die neue Frankfurter Flügelzange hat dem Spiel ihren Stempel aufgedrückt. Wolf, der wie so oft in dieser Saison als Duracell-Hase die Außenbahn beackerte, bereitete sowohl das 1:0 durch Haller als auch das 2:0 durch Kompagnon Chandler vor. Der US-Amerikaner fühlt sich auf der ungewohnten linken Seite ohnehin sichtbar wohl. Vergangene Woche noch Vorbereiter, war Chandler nun in der 22. Minute selbst zur Stelle.

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"Ich wäre gern torgefährlicher", hatte Chandler unter der Woche im kicker-Interview seinen frommen Wunsch geäußert. Gesagt, getan: Sein Treffer mit dem "schwachen Linken" war Chandlers erstes Bundesliga-Tor seit Mai 2015. Ein Highlight war übrigens nicht nur sein Abschluss ins obere Eck, sondern auch Chandlers Blick im darauffolgenden Tor-Tweet der Eintracht, der mehr Skepsis als Freude verrät. Man sieht, dass der 27-Jährige in Sachen Torjubel noch Nachholbedarf hat.

22.: Die Eintracht erhöht! Erneut bereitet Marius Wolf stark vor, dieses Mal lauert Timothy Chandler am langen Pfosten und schiebt zum 2:0 ein 👏 0:2

Eintracht Frankfurt international?

Auch wenn die Verantwortlichen davon nach 19 Spieltagen nichts hören wollen - zumindest im stillen Kämmerlein wird der eine oder andere, der es mit der Eintracht hält, schon wieder von rauschen Europapokal-Nächten träumen. Nach dem Sieg in Wolfsburg - dem 600. in der Bundesliga-Geschichte des Clubs - stehen die siebtplatzierten Hessen bei 30 Punkten. Wie auch Borussia Dortmund, wie auch Schalke 04. Bis zum Tabellenzweiten Leipzig fehlt den Frankfurtern nach dessen Niederlage in Freiburg (1:2) nur ein mickriger Zähler.

Was die Europacup-Hoffnung befeuert: Sechs Auswärtssiege hat sonst nur der FC Bayern (7) auf dem Konto. Die Eintracht bleibt ein unwillkommener Gast in der Bundesliga und hat nun schon drei Auswärtsspiele in Folge gewonnen. Das gelang den Hessen zuletzt 2010 unter Trainer Michael Skibbe. Was weiterhin Sorgen macht: die dürftige Heimbilanz mit nur zwei Siegen. Und was sagt eigentlich der Trainer zu den Ambitionen des Clubs? "Wir wollen den Abstand nach hinten weiter vergrößern und die nötigen Punkte holen, um nichts mit dem Abstieg zu tun zu haben." Keine weiteren Fragen.

Guter Platz – guter Fußball

Vergangene Woche war Fredi Bobic ziemlich sauer. "Das ist ein Scheißplatz", schimpfte der Sportvorstand nach dem Freiburg-Spiel über den tiefen, löchrigen Frankfurter Rasen. Guten Fußball, so Bobic, könne man nur auf gutem Geläuf spielen. Und tatsächlich: Dass die Defensivspezialisten vom Main auch richtig ordentlich kicken können, zeigten sie in Wolfsburg, wo der Platz im Gegensatz zur Unterstützung von den Rängen Champions-League-Niveau hatte.

Eintracht Wolfsburg Jubel
Sébastien Haller holt sich die Glückwünsche seiner Mitspieler ab. Bild © Imago

Die Wölfe verbuchten zwar mehr Ballbesitz (52 zu 48 Prozent), mehr gewonnene Zweikämpfe (51 zu 49 Prozent) und mehr angekommene Pässe (298 zu 270), wirkten bei ihren Offensivbemühungen meist aber handzahm. Die Eintracht benötigte am Samstag eine gewisse Anlaufphase, hatte die Hausherren dann aber vor allem im ersten Durchgang völlig im Griff und hätte höher führen können. "Die erste Halbzeit war einmalig gut", schwärmte Trainer Niko Kovac hinterher. Erst mit dem sehenswerten Freistoß-Treffer des Wolfsburgers Maximilian Arnold in der 66. Minute kam noch einmal etwas Spannung auf. Der Frankfurter Wolf war mit der Reaktion seines Teams aber zufrieden: "Wir waren ruhig und wussten, wir kriegen unsere Chancen. Die haben wir auch genutzt."

Ein bisschen Slapstick

Bezeichnend für die Schwäche der abstiegsbedrohten Wolfsburger: Wenn die Wölfe mal gefährlich wurden, dann hatten in der Regel mit Simon Falette und Makoto Hasebe zwei Frankfurter ihre Füße im Spiel. Blindes Verständnis der beiden war aufgrund immer wieder wechselnder Abwehrformationen nicht unbedingt zu erwarten. Ihre Abstimmungsprobleme waren dennoch auffällig.

Hasebe und Falette waren in der 12. Minute maßgeblich an der ersten guten Chance des VfL beteiligt, als sie im eigenen Strafraum in den Infight um den Ball gingen und Profiteur Yunus Malli mit seinem Abschluss an Lukas Hradecky scheiterte. Später gab das Duo noch eine kleine Slapstick-Einlage an der eigenen Grundlinie zum Besten: Erst ging keiner zum Ball, dann beide, und schlussendlich schoss Hasebe das Leder Falette aus kurzer Distanz vors Schienbein. Klarer Fall von "Nimm du ihn, ich hab ihn sicher!". Die Einlage dürfte den Frankfurtern nach dem Spiel herzlich egal gewesen sein. Das Motto des Tages aus Sicht von Hasebe und Falette: Ende gut, alles gut!