Ji jubelt mit Schweißband.
Jubel mit Schweißband: Darmstadts Dong-Won Ji in Regensburg Bild © Imago

Darmstadt 98 steht plötzlich dicht vor dem Klassenerhalt in der zweiten Liga. Der Grund: Trainer Dirk Schuster hat wieder tief in die Psycho-Trickkiste gegriffen.

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Der genaue Zeitpunkt ist nicht überliefert, aber es muss vor ein paar Wochen gewesen sein, als Dirk Schuster einen unscheinbaren Pappkarton in die Darmstädter Kabine schleppte. Vielleicht hätten die meisten diese kleine Geschichte schnell wieder vergessen, sehr wahrscheinlich wäre darüber nie berichtet worden, wenn der Inhalt dieser Kiste das Leben des SV Darmstadt 98 nicht so grundlegend verändert hätte. In der Kiste – und das werden sie sich bei erfolgreichem Ausgang am kommenden Sonntag erzählen – lag der Klassenerhalt.

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Niemeyer im heimspiel!

Darmstadts Defensiv-Allrounder Peter Niemeyer ist am Montag im heimspiel! des hr-fernsehens zu Gast. Beginn der Sendung ist um 23.15 Uhr.

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Schuster hatte nämlich Schweißbänder bestellt, dunkelblau, jedes mit einem kleinen, weißen Aufdruck versehen. Vorne eine Lilie, hinten mal ein Tiger, mal ein Eskimo. Verschiedene Symbole der Stärke. Sachen, die man eben so braucht, wenn niemand auf dieser Welt mehr an einen glaubt. Schuster verteilte sie also unter seinen Spielern, im Trainerstab, sogar das Präsidium trägt sie mittlerweile. Schweißbänder, die zusammenschweißen. Ein Plan, der aufging.

Einst mausetot, nun wieder robust

Etliche Wochen später haben die Lilien nämlich zehn Spiele nicht mehr verloren, sie haben sich aufgerafft vom mausetoten Abstiegskandidaten zu einer robusten Truppe, die kurz vor dem Klassenerhalt steht und an sich und ihre Schweißbänder glaubt. Am Sonntag, beim 3:0-Sieg in Regensburg, streifte der Südkoreaner Dong-Won Ji nach seinem Treffer das Stückchen Stoff vom Unterarm und hielt es triumphierend in Richtung Fankurve.

Zeigen ja, aber sprechen möchte darüber niemand. Fragt man die Spieler nach den Schweißbändern, lächeln sie verschmitzt, schauen verlegen zu Boden. Kein Kommentar. Solange der Zauber noch hält, darf nichts ihn gefährden. Alles streng geheim.

Wie in den guten alten Zeiten

Ein wenig erinnert dieser Korpsgeist an die erste Amtszeit unter Schuster. Damals waren die Lilien die absoluten Underdogs, die müde belächelten Außenseiter, denen keiner etwas zutraut, die aber am Ende immer triumphieren. Weil sie zusammenstehen, nicht aufgeben, an sich glauben – und weil sie blau-weiße Bändchen von ihrem treuen Fan Johnny am Arm trugen.  

All das hat Schuster wiederbelebt. Es fühlt sich an wie früher. Es hört sich an wie früher. Kapitän Aytac Sulu lobte in Regensburg den Charakter der Truppe, sagte aber pflichtschuldig, dass noch gar nichts erreicht sei. Und auch Schuster sprach eine deutliche Warnung aus: "Wir dürfen nicht in Euphorie oder Jubelgesänge verfallen."

Vom Jäger zum Gejagten

Fast ein halbes Jahr lang trieb sich der Klub auf den Abstiegsplätzen zur dritten Liga rum, nun stehen die 98er zum ersten Mal wieder über dem Strich. Ein einziger Punkt reicht im Heimspiel am Sonntag (15.30 Uhr) gegen Aue und die Liga ist gesichert. Aber zum ersten Mal ist die Mannschaft nun auch nicht mehr in der Rolle des Jägers, sondern des Gejagten. Sie hat plötzlich wieder was zu verlieren. Darauf wird Schuster das Team einstellen müssen.

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Darum reicht den Lilien ein Punkt

Ein Remis reicht dem SV Darmstadt 98, um auch in der kommenden Saison in der 2. Bundesliga zu spielen. Abgesehen vom ohnehin schon abgestiegenen 1. FC Kaiserslautern müssen die Lilien zwei Mannschaften hinter sich lassen. Das wäre im Falle eines Unentschiedens Aue sowie entweder Heidenheim oder Fürth, die gegeneinander spielen.

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Und doch glaubt kaum einer, dass diese Mannschaft ihr eigenes Husarenstück noch verspielt. Dafür strahlt der typische Lilien-Style wieder zu sehr durch. Die 98er müssen nicht das bessere Team sein, sie müssen nicht die größeren Möglichkeiten haben, um ein Spiel zu gewinnen. Ihnen reicht ihr Kampfgeist, ein guter Torwart und eine vorzügliche Chancenverwertung. Merkmale, die glücklich machen. Eine Woche müsse man nun noch konzentriert sein, fordert Präsident Rüdiger Fritsch, "dann sind wir dem Teufel nochmal von der Schippe gesprungen". Und das alles nur mit einer Kiste voller Schweißbänder.