Rüdiger Fritsch
Rüdiger Fritsch stand die Anspannung beim Saisonfinale der Lilien ins Gesicht geschrieben. Bild © Imago

Dem Abstieg sind die Lilien soeben noch von der Schippe gesprungen. Welche Fehler in der kommenden Zweitliga-Saison nicht wiederholt werden sollten und weshalb Darmstadt nicht gleich Barcelona ist, erklärt Präsident Fritsch im ersten Teil des Interviews.

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Rüdiger Fritsch vor Bielefeld

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Fritsch: "Wollten uns in der 2. Liga anders etablieren"

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Der SV Darmstadt 98 hat eine bewegte Saison hinter sich. Dem Abstieg aus der Bundesliga folgte beinahe der freie Fall in die Drittklassigkeit. Die Lilien sahen sich zwischenzeitlich gezwungen, Trainer Torsten Frings zu entlassen und fanden unter Ex- und Neu-Coach Dirk Schuster wieder in die Erfolgsspur. Welche Lehren der Verein aus der sportlichen Berg- und Talfahrt gezogen hat, lesen Sie im ersten Teil unseres großen Interviews mit Vereinspräsident Rüdiger Fritsch.

hr-sport: Herr Fritsch, es war eine der Szenen der abgelaufenen Saison, wie Sie nach dem Klassenerhalt gegen Aue mit völlig verschwitztem Hemd da standen. Nehmen Sie uns nochmal mit an diesen letzten Spieltag, was ging da in Ihnen vor?

Rüdiger Fritsch: Das nassgeschwitzte Hemd war natürlich auch den Temperaturen geschuldet. Aber es war trotzdem ein gewisses Sinnbild. Bekanntermaßen ist der Einschnitt zwischen 2. und 3. Liga immens. Ein Drittliga-Szenario wäre in unserer Phase nicht wirklich positiv gewesen. Wir haben immer noch erst vier Profi-Jahre hinter uns, während andere Vereine, die in der vergangenen Zweitliga-Saison mit uns verglichen wurden, über 20 Jahre dabei sind. Deshalb ist mir ein Wahnsinns-Stein vom Herzen gefallen. Da geht es um 20 Millionen Euro. An einem Tag 20 Millionen verlieren oder haben, da kann man schon mal ein nassgeschwitztes Hemd bekommen.

hr-sport: Sie haben den Abstieg als Drohkulisse immer ein wenig heruntergespielt. Jetzt mal Hand aufs Herz: Wie hart wäre das für Darmstadt gewesen?

Fritsch: Ich habe gesagt: Es wird den Verein nicht umbringen. Weil wir in den vier Jahren für schlechte Zeiten vorgesorgt haben. Da wäre nichts eingestürzt, aber es hätte gewackelt. Wir mussten manchen Mitarbeitern vorsorglich kündigen und konnten dann glücklicherweise viele der ausgesprochenen Trennungsszenarien zurücknehmen.

hr-sport: Wegen dieser extremen Differenz zwischen 2. und 3. Liga haben die Zweitligisten für die Absteiger eine Solidarzahlung beschlossen. Können Sie die Kritik daran aus der 3. Liga verstehen?

Fritsch: Ich kann das verstehen, das ist aber ein Thema, bei dem man sich fragen muss, wie weit man die Solidarität im knallharten Fußballgeschäft definiert. Da beklagen sich die Amateur-Clubs über die Anstoßzeiten der Profis, die Zweitligisten über die TV-Gelder für die Bundesligisten und die Top-Clubs übers Ausland und die dortigen Gelder. Egal wo man da anfängt, man wird nicht wirklich gut rauskommen. Daher kann ich aus der Interessenlage etwa von Wehen Wiesbaden natürlich das Grummeln verstehen.

hr-sport: Den Solidarbeitrag in Höhe von 600.000 Euro hätten Sie im Falle eines Abstiegs dennoch gern mitgenommen?

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„Rückblickend haben wir unseren Darmstädter Weg bei der Zusammensetzung des Kaders nicht konsequent eingehalten.“ Zitat von Rüdiger Fritsch
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Fritsch: Als wir das beschlossen haben, waren zehn, elf Vereine gefährdet. Da ist jeder zum Schluss sein Interessensverfechter. Wir waren auch in der Verlosung und wären natürlich im Worst Case auch gerne so schnell wie möglich wieder hochgekommen. Die Diskussionen sind schwierig zu führen, da hat dann auch jeder Recht oder Unrecht, immer abhängig von der Perspektive. Aber letzten Endes ist der Fußball nicht immer gerecht für alle Seiten. Als Zweitligist, der absteigt, freut man sich über diese Maßnahme. Die anderen vielleicht weniger.

hr-sport: Nach dem Klassenerhalt haben Sie eine Fehleranalyse versprochen. Was ist das Ergebnis?

Fritsch: Über die Rückrunde brauchen wir nicht viel reden. Da haben wir am Ende 25 Punkte geholt. Man muss ein bisschen weiter vorn ansetzen. Es hat in der Hinrunde nicht so funktioniert, wie wir das gehofft haben. Aber was ist im Fußball schon planbar? Ob der Ball gegen den Pfosten geht oder nicht, das wird man nie planen können. Also muss man die Variablen möglichst gering halten und die Dinge, die man selbst in der Hand hat, analysieren. Das haben wir getan und ich denke rückblickend, wir haben unseren Darmstädter Weg bei der Zusammensetzung des Spielerkaders nicht ganz konsequent eingehalten.

hr-sport: Unter Torsten Frings sollten spielerische Attribute im Vordergrund stehen...

Frings hält sich die Hände vors Gesicht.
Torsten Frings musste bei den Lilien wegen Erfolgslosigkeit gehen. Bild © Imago

Fritsch: Unter Torsten Frings hat die Mannschaft eine tolle Bundesliga-Rückrunde gespielt. Die Zuschauer waren zufrieden und aus dieser Situation heraus kam der Gedanke, dass man sich in der 2. Liga anders etablieren möchte als vielleicht über die Konzentration auf die Basics wie Kämpfen und zu Null spielen. Das war eine andere Philosophie, da ist daraus ein anderer Spielerkader entstanden – der am Anfang ja auch funktioniert hat.

Die ersten Spiele inklusive der Vertragsverlängerung von Frings haben ja eine Euphorie ausgelöst. Das ist dann wieder typisch Fußball: Wenn es läuft, ist alles toll, wenn es nicht läuft, wussten das immer alle eh schon. Wenn man in der Verantwortung steht, muss man da rationaler ran gehen. Der Fußball ist ein sehr fragiles Gebilde. Kleinigkeiten können da große Auswirkungen haben.

hr-sport: Sie haben also das Gefühl gehabt, dass man nach dem Bundesliga-Abstieg zu groß gedacht hat?

Fritsch: Man freut sich, wenn jemand mit der Philosophie kommt: Wir lösen das jetzt spielerisch. Aber dann stellt man fest, dass man dazu auch die Spieler haben muss. Trotzdem kann ich nur wiederholen, zwischen Trainerteam und Mannschaft gab es in der Hinrunde keine Probleme. Aber wir haben zu viele Gegentore bekommen. Das war ein Teil der Fehleranalyse, die wir im Winter vorgenommen haben. Denn es macht keinen Sinn, wenn man Spaß an tollem Fußball hat, aber immer 3:4 verliert.

hr-sport: Sehen wir in der kommenden Saison unter Dirk Schuster wieder vermehrt die "klassischen" Darmstädter Tugenden wie Kampf, Einsatz und Disziplin?

Fritsch: Die Kombination macht es. Wenn man Dirk Schuster nur mit Abwehrverhalten und wenig Kreativität verbindet, dann ist das nicht richtig. Die Kunst ist es, zu erkennen, mit welchem Spielermaterial ich welche Spielphilosophie umsetzen kann. Ich würde vielleicht auch lieber Barcelona-like spielen, das nützt aber nichts, weil man die entsprechenden Spieler braucht. Wir haben unter Dirk Schuster sehr ansprechende Spiele abgeliefert, auch bei seiner ersten Station. Man schafft keinen Aufstieg nur mit Anti-Fußball. Das Fazit ist: Wir sind Darmstadt 98 und müssen unser Selbstverständnis und unsere Kultur beibehalten. Trotzdem wollen wir uns in diesem Rahmen Schritt für Schritt weiterentwickeln.

hr-sport: Gab es rückblickend Dinge, die Sie sich vorgeworfen haben, Situationen, wo Sie sich sagten, das droht mir hier als Chef zu entgleiten?

Fritsch: Entgleiten würde ich nicht sagen. Wir sind in der Führungsetage immer sehr gut abgestimmt, auch wenn es manchmal den Eindruck nach außen macht, dass ich eine Sonder-Führungsrolle habe. Das ist der Tatsache geschuldet, dass ich der Sprecher bin. Aber grundsätzlich gebe ich Ihnen Recht. Wenn etwas nicht funktioniert, wäre es fatal, wenn man sagt, ich habe immer alles richtig gemacht und die anderen sind die Geisterfahrer. Insofern muss man sich immer hinterfragen.

hr-sport: Sie haben vier Jahre Profifußball mit einer sehr engen Struktur bewältigt. Gibt es Pläne, diese Struktur zu verändern?

Fritsch: Die meisten Vereine haben eine Struktur mit einem klar definierten Sportdirektor. In diese Richtung darf man keine Denkverbote haben. Unter Umständen wird sich die Struktur ein wenig verschieben. Aber erst mal ist es so, dass das System mit Dirk Schuster funktioniert. Es stellt sich die Frage, greift man da jetzt ein? Trotz allem müssen wir uns Gedanken machen. Im Zweifel sind aber kleinere Schritte besser als zwei große auf einmal. Sonst fällt man auf die Schnauze.

Das Gespräch führten Philip Schmid und Christian Adolph.