Protest in Wiesbaden gegen Ende der NSU-Ermittlungen
Einige Menschen protestierten in Wiesbaden gegen ein Ende der NSU-Ermittlungen Bild © picture-alliance/dpa

Zum dritten und wahrscheinlich letzten Mal hat Ex-Verfassungsschützer Andreas Temme im NSU-Untersuchungsausschuss ausgesagt. Zur Aufklärung der Umstände des Mordes an Halit Yozgat trug er wieder nicht bei.

Bis Jahresende will der NSU-Untersuchungsausschuss des Landtags seine Beweisaufnahme beenden, um noch zeitig vor der Landtagswahl im Herbst 2018 seinen Abschlussbericht vorzulegen. Gut 100 Zeugen hat er bereits gehört, um die Umstände des Mordes am Kasseler Internetcafé-Betreiber Halit Yozgat am 6. April 2006 zu erhellen. Zentrale Frage dabei: Wusste der hessische Verfassungsschutz von dem geplanten Mord, der den Rechtsterroristen des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) zugeschrieben wird?

Diese Frage beantwortet der damalige Quellenführer des Verfassungsschutzes, Andreas Temme, seit Jahren beharrlich mit Nein. Dass sie ihm seit Jahren beharrlich immer wieder gestellt wird, liegt daran, dass niemand Temme glauben mag.

"Das gehört sich nicht"

Das war auch an diesem Freitag so, als der 50-Jährige zum dritten und wahrscheinlich letzten Mal vor dem NSU-Untersuchungsausschuss in Wiesbaden aussagte. Die allgemeinen Zweifel an seinen Aussagen nagen an ihm, jedenfalls verbat er sich mithilfe des Ausschussvorsitzenden Hartmut Honka (CDU) am Ende seiner öffentlichen Aussage offenkundig spöttische Lacher im Publikum: "Das empfinde ich als respektlos. Das gehört sich auch jemandem gegenüber nicht, der angegriffen wird."

Janine Wissler, Obfrau der Linken im Ausschuss, hatte ihn zuvor gefragt, ob er wirklich bei seiner "Version" der Vorgänge am 6. April 2006 festhalten wolle: dass er rein zufällig zum Zeitpunkt des Mordes oder unmittelbar davor in Yozgats Internetcafé gewesen sei, rein gar nichts von der Tat bemerkt habe, sich aber auch nicht als möglicher Zeuge bei der Polizei gemeldet habe - obwohl er keine zwei Wochen vorher von einer Vorgesetzten per E-Mail gebeten wurde, nach Hinweisen auf die damals noch sogenannte Ceska-Mordserie (alle neun Morde des NSU an Migranten wurden mit einer Ceska-Pistole verübt) zu forschen?

Version oder Wahrheit?

"Das ist keine Version, sondern die Wahrheit", antwortete Temme. Ihm falle die Erklärung dafür auch schwer. Auch dafür, warum er zunächst annahm, dass er nicht am Tattag, sondern einen Tag zuvor im Internetcafé gechattet habe. Warum er das nicht überprüft habe, als er nur wenige Tage später sein Profil bei der Chatseite "ilove.de" löschte, da ihm der Flirt mit einer Online-Bekanntschaft angesichts seiner schwangeren Frau plötzlich nicht mehr richtig erschien.

Temme zermarterte sich nach eigenem Bekunden oft den Kopf über der Frage, wie das damals war: War er noch im Intenretcafé und übersah er den niedergeschossenen Halit Yozgat, einen stattlichen Mann, am Boden hinter dem Tresen in dem kleinen Raum? Oder ging er unmittelbar vorher aus dem Café, und direkt nach ihm kamen die NSU-Mörder hinein?

Dieselben Fragen: offen

Eine Sonderkommission der Polizei rekonstruierte damals anhand der Zeugenaussagen der Besucher des Internetrcafés den möglichen Tathergang: Sagten alle die Wahrheit, bleiben rund 40 Sekunden, in denen die NSU-Terroristen Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos unbemerkt das Internetcafé betreten, Halit Yozgat mit zwei Schüssen töten und wieder hinausgehen hätten können.

Andreas Temme, dem man als Verfassungsschützer eine gesteigerte Aufmerksamkeit unterstellen möchte, hätte sich dann mit den Mördern mehr oder minder die Klinke in die Hand gegeben, wie auch eine Rekonstruktion des Falles durch die Künstlergruppe Forensic Architecture ergab. Ist das wahrscheinlich? Und, sollte Temme noch im Gebäude gewesen sein: Ist es wahrscheinlich, dass er keinen Schuss hörte oder roch, dass er das Fallen des Erschossenen nicht bemerkte?

SPD-Obfrau Nancy Faeser ließ am Freitag Ausschnitte aus dem Video von Forensic Architecture abspielen, das auch bei der documenta 14 gezeigt wird. Sie halfen der Erinnerung des Zeugen Temme nicht auf die Sprünge.

Immer wieder wies Temme darauf hin, dass das alles bereits elf Jahre her sei und er ja auch schon mehrfach in den Untersuchungsausschüssen des Bundestags und des hessischen Landtags und im NSU-Prozess vor dem Oberlandesgericht München dazu ausgesagt habe. Immer hinterließ er dieselben Fragen - wie jetzt bei seinem mutmaßlich letzten öffentlichen Auftritt.

Sendung: hr-iNFO, 25. August 2017, 18 Uhr