Andrea Ypsilanti.
Andrea Ypsilanti war 2008 SPD-Spitzenkandidatin - und scheiterte beim Versuch, eine Minderheitsregierung zu bilden. Bild © picture-alliance/dpa

So ganz verheilt sind die Wunden offenbar noch nicht: Kurz bevor sie aus dem Landtag ausscheidet, rechnet Andrea Ypsilanti in ihrem neuen Buch mit der SPD ab - und mit ihrer gescheiterten Kandidatur als Ministerpräsidentin vor zehn Jahren.

Ende 2018 will Andrea Ypsilanti ihren Sitz im hessischen Landtag räumen. Doch zuvor geht sie mit der eigenen Partei und dem "neoliberalen Kapitalismus" schonungslos ins Gericht. In einem Buch, das an diesem Freitag erscheint, wirft sie der SPD vor, von der Arbeiterpartei über eine Partei amerikanischen Zuschnitts unter Gerhard Schröder zur "Funktionspartei der Facharbeiter" verkommen zu sein. Es sei nicht verwunderlich, dass sich die Wählerschaft innerhalb weniger Jahrzehnte praktisch halbiert habe, heißt es in dem Buch mit dem Titel "Und morgen regieren wir uns selbst".

Die zum linken Flügel gehörende frühere hessische SPD-Chefin hat im Oktober vergangenen Jahres angekündigt, dass sie sich nach der Landtagswahl in diesem Herbst aus der aktiven Politik zurückzieht.

Die Doppelmoral bei Steinbrück

Ypsilanti hatte die SPD in der Landtagswahl 2008 auf Augenhöhe mit dem damaligen CDU-Regierungschef Roland Koch geführt. Ihr Debakel erlebte die heute 60-Jährige, als sie entgegen der eigenen Wahlkampf-Ankündigung doch mit Hilfe der Linken-Fraktion eine rot-grüne Minderheitsregierung bilden wollte. Dies scheiterte jedoch an vier Abweichlern in der SPD.

Für den anschließenden Absturz der hessischen SPD bei den Neuwahlen 2009, von dem sich die Sozialdemokraten in ihrem früheren Stammland bis heute nicht erholt haben, macht Ypsilanti auch ihren Parteikollegen Peer Steinbrück verantwortlich. Dieser habe damals "ohne Not" vom "Wortbruch" (Ypsilantis) gesprochen.

Später sei der "maßlos überschätzte" Steinbrück von den "Leitmedien" zum Kanzlerkandidaten "hochgeschrieben" worden. Als die SPD dann 2013 "gegen alle Schwüre" im Wahlkampf erneut unter Angela Merkel in eine Große Koalition eingetreten sei, habe aber niemand in den Medien vom "Wortbruch" geschrieben, bemerkt die Ex-SPD-Chefin. 

Was sie von einer "GroKo" hält, ist auch klar

Ganz offensichtlich hat sie die für sie bitteren Erfahrungen im Jahr 2008 noch nicht verwunden. "Die SPD hat sich in den drohenden Verfall regiert", schreibt Ypsilanti, die seit langem in Frankfurt lebt. Was ihr zur derzeit möglichen Fortsetzung der "GroKo" in Berlin einfallen würde, ist damit klar. Die SPD brauche auf allen Ebenen einen "organisierten Erneuerungsprozess", verlangt sie.

Diesen sieht sie etwa an der Seite der britischen Labour Party, die unter ihrem derzeitigen Chef Jeremy Corbyn die Jugend wiedergewonnen habe.

Auf die Füße getreten? "Das geschieht mit Absicht"

Zur "radikalen Reformpolitik", die Ypsilanti in einem auf Selbstoptimierung und Selbstausbeutung getrimmten Kapitalismus vorschlägt, gehören weitere Arbeitszeitverkürzungen und die Einführung eines Bedingungslosen Grundeinkommens. "Nur wer materiell durch ein Grundeinkommen gesichert wird, wird frei, produktiv, gesellschaftlich und fantasievoll arbeiten."

Mit ihrem Buch hat sich Ypsilanti zum Ziel gesetzt, die angebliche "Alternativlosigkeit" in der heutigen Politik in Frage zu stellen. Sie spricht von einer "Streitschrift" und hat im Vorwort hinzugefügt, dass sich manche im Buch sicherlich auf die Füße getreten fühlten. "Das geschieht durchaus mit Absicht."