Ali Al Dailami, Die Linke
Ali Al-Dailami, frisch gewählter Bundesvize der Linke aus Gießen. Bild © picture-alliance/dpa

Ali Al-Dailami aus Gießen ist neuer stellvertretender Bundesvorsitzender der Linken. Im Interview mit readitnow.info spricht er über seine eigene Fluchtgeschichte, falsche Schlüsse aus dem Fall Ali B. und was er an dem früheren CDU-Kanzler Adenauer schätzt.

Bislang hatten die beiden Parteivorsitzenden der Linken, Katja Kipping und Bernd Rieer, nur vier Stellvertreter. Auf dem Parteitag am vergangenen Wochenende stockte die Partei die Zahl auf sechs auf. Neu dabei: der Gießener Ali Al-Dailami. Er wurde nach Janine Wissler, der Fraktionsvorsitzenden im Landtag, als zweiter Hesse in den engsten Führungszirkel der Partei gewählt. 

Geboren wurde der 37-Jährige in der jemenitischen Hauptstadt Sanaa. Anfang der 1990er Jahre floh er mit seinen politisch verfolgten Eltern nach Deutschland. In Hessen zog er mit ihnen zunächst in die Wetterau. Heute ist Gießen die Heimat des migrationspolitischen Sprechers der Linkspartei. Al-Dailami gilt als Anhänger der Fraktionsvorsitzenden im Bundestag, Sahra Wagenknecht.

readitnow.info: Sie selbst sind als Flüchtling nach Deutschland gekommen. Wie hat Sie das politisch geprägt?

Ali Al-Dailami: Ich habe stets mein Anderssein zu spüren bekommen. Ich habe gemerkt, wie es ist, als Fremder wahrgenommen zu werden. Ich bin in sozial unsicheren Verhältnissen aufgewachsen, ab meinem zwölften Lebensjahr in Kinder und Jugendheimen. Den Haupt- und Realschulabschluss habe ich erst auf der Abendschule nachgeholt. Ich habe erfahren, wie viel im Leben davon abhängt, welche Mittel einem zur Verfügung stehen - und nicht nur davon, was man kann. Das hat mich politisiert und zwar links.

readitnow.info: Welche Schlüsse haben Sie für Ihre Arbeit als integrationspolitischer Sprecher der Linken daraus gezogen?

Ali Al-Dailami: Meine Familie und ich kamen damals zunächst in eine ländliche Region in Rheinland-Pfalz. Wir hatten kaum Mittel, kaum Unterstützung. Es gab keine Deutschkurse, keine Alphabetisierungskurse. Ich hatte nur das Glück, dass meine Familie so stark Wert auf Bildung legte. Ich will mich gar nicht als exemplarischen Fall nehmen, aber das zeigt mir einfach, dass bessere Rahmenbedingungen für Integration vom Staat geschaffen werden müssen.

readitnow.info: Sie sagen oft, dass sich derzeit eher eine soziale Frage stellt und nicht so sehr eine Flüchtlingsfrage. Wie meinen Sie das?

Ali Al-Dailami: Die große Koalition versucht, durch Ausspielen der Menschen gegen Flüchtlinge ihre eigenen Versäumnisse zu verdecken. Aber die Flüchtlinge bringen nur sehr deutlich zutage, was generell in unserem Land im Argen liegt. Wir haben einen enormen Investitionsstau, den größten Niedriglohnsektor Europas - jeder vierte Arbeitnehmer in Deutschland verdient unter 10,50 Euro - und einen enormen Wohnungsmangel.

Ali Al Dailami, Die Linke
Linken-Bundesvorsitzende Katja Kipping und ihr neuer Stellvertreter, Ali Al-Dailami aus Gießen, beim Parteitag in Leipzig. Bild © picture-alliance/dpa

Deswegen müssen wir eine soziale Offensive starten und doppelt integrieren: sowohl die Flüchtlinge als auch die Deklassierten, die Hartz-IV-Empfänger und Niedriglöhner. Geld wäre genug da. Aber an die Vermögenden traut man sich heute eben nicht heran. Dass es anders geht, zeigte ausgerechnet der frühere CDU-Kanzler Konrad Adenauer: Er hatte mehrere Steuerarten für Vermögende eingeführt, um die Integration der Millionen von Ostflüchtlingen nach dem Weltkrieg zu stemmen.

readitnow.info: Dennoch: Flüchtlinge sprechen oft nicht die Sprache, kommen aus einem ganz anderen Kulturkreis – das sind ganz andere Herausforderungen als bei Menschen, die hier schon lange leben. 

Ali Al-Dailami: Ja, und hier sollte man auch gezielt und planmäßig ansetzen. Wir brauchen mehr Sprachkurse. Nur wer die Chance hat, die Sprache zu erlernen, hat auch bessere Möglichkeiten, sich zu integrieren. Daneben gehört auch die Chance dazu, beruflich anzukommen. Es gibt viele Handwerksbetriebe, die gerne Flüchtlinge einstellen wollen oder schon eingestellt haben. Doch selbst wenn es einen Arbeits- oder Ausbildungsvertrag gibt, werden die Geflüchteten aus diesen sicheren Verhältnissen heraus oft abgeschoben. Auch an der Anerkennung der im Ausland erworbenen Abschlüsse hapert es immer noch gewaltig.

readitnow.info: Derzeit tobt in Ihrer Partei ein Richtungsstreit. Die einen wollen offene Grenzen für alle, die anderen offene Grenzen nur für Verfolgte. Wo verorten Sie sich bei dieser Frage?

Ali Al-Dailami: Ich habe an dem Migrationskapitel im aktuellen Erfurter Grundsatzprogramm der Linken mitgewirkt.  Darin steht auch: Wir wollen offene Grenzen für alle. Das ist eine Grundhaltung, eine Zukunftsvision. Ebenso wie wir dort den Sozialismus des 21. Jahrhunderts skizzieren. Diese Haltung entspricht meinem Menschenbild, jeder Mensch sollte sich frei bewegen können. Aber als konkrete Handlungsfelder im Hier und Heute bedarf es eines Dreiklangs: der Bekämpfung von Fluchtursachen, einer sozialen Offensive sowie sicheren und legalen Fluchtwegen für Schutzsuchende. Beides schließt sich allerdings nicht aus.

readitnow.info: Sie werden eigentlich dem Lager rund um die Fraktionsvorsitzende Sahra Wagenknecht zugerechnet. Diese fordert strikt, dass nicht alle bleiben können. Das klingt doch etwas anders als das, was Sie da ansprechen.

Ali Al-Dailami: Ich sehe mich selbst mit meiner Biografie als Brückenbauer in dieser Debatte und habe in Abstimmungen immer nach meinen Überzeugungen gehandelt. Ich wünsche mir, dass wir zu einer sachlichen Debatte zurückkommen. Was wir auf dem Parteitag verabschiedet haben, , kann jeder in der Partei mittragen. Wir müssen einfach wieder zurück zu den realen Problemen, die die Menschen betreffen: Leiharbeit, Altersarmut, Wohnungsnot, Hartz IV.

readitnow.info: Derzeit will Innenminister Seehofer in seinem geplanten Masterplan Migration die Grenzen wieder schließen und nur Leute hereinlassen, die bislang in keinem anderen Land einen Asylantrag gestellt haben.

Ali Al-Dailami: Das ist ein Kniefall vor der AfD. Man versucht zu punkten, indem man der AfD die Themen wegnimmt. Doch wie wir gerade sehen, stärkt das nur die Rassisten. Und es ist generell ein katastrophaler Vorschlag: Wir würden Staaten wie Italien und Griechenland dann wieder alleine lassen mit der Versorgung der Asylsuchenden.

Die Bundesregierung hat sich in der Vergangenheit unsolidarisch gegenüber diesen Ländern gezeigt. Erst als 2015 nichts mehr ging, hat man sich als große Mildtäter inszeniert. Nun ist die Bundesregierung erneut dabei, eine europäische und solidarische Lösung zu torpedieren. Aber genau die brauchen wir und mit ihr eine gerechte Lösung. Staaten wie Ungarn, die sich nicht beteiligen wollen, müssen dies auch finanziell spüren.

readitnow.info: In Ihrer Partei gibt es auch den Beschluss, dass es keine Abschiebungen geben sollte. Lässt sich diese Haltung angesichts eines Falls wie dem der mutmaßlich durch den Flüchtling Ali B. ermordeten Susanna aufrecht erhalten?

Ali Al-Dailami: Jeder Mord ist einer zu viel. Die Statistik über weibliche Mordopfer unter 18 Jahren in den letzten 17 Jahren zeigt: Es gibt keinen Anstieg durch die Aufnahme von Flüchtlingen. Die AfD missbraucht Opfer zur Hetze gegen Flüchtlinge. Nimmt man jetzt verheerende Fälle als Grundlage dafür, wie man mit Abschiebungen generell verfahren sollte? Ich kann nicht erkennen, wie die Abschiebung von Kriegsflüchtlingen in den Irak oder von Roma in den Kosovo die Sicherheit in Deutschland verbessern würde. Man sollte die Themen nicht vermischen.

Das Interview führte Alina Leimbach.