Federico Solmi
Screenshot aus dem Trailer "The Illustrious Deceiver", einer älteren Arbeit Solmis. An der aktuellen Installation arbeitet er noch. Bild © Federico Solmi

Donald Trump als Sonnenkönig mit Clownsfratze: Federico Solmis Kunst ist provokant. Im Herbst wird er eine riesige Videoinstallation auf das Frankfurter Schauspiel projizieren. Im Interview erzählt er, wie der aktuelle US-Präsident die amerikanische Kunstwelt verändert.

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Diese Videoinstallation wird nicht zu übersehen sein: Vom 29. November bis 3. Dezember wird der amerikanisch-italienische Künstler Federico Solmi insgesamt neun Videos auf die Fassade des Frankfurter Schauspielhauses projizieren. Anlass ist die dritte Ausgabe des Multimedia-Festivals "". Solmi zeigt historische und aktuelle Führungsfiguren der Weltgeschichte, deren Gesichter zu Fratzen verzerrt sind - darunter auch der aktuelle US-Präsident Donald Trump.

readitnow.info: Herr Solmi, in Ihrer Videoinstallation "The Great Farce" geht es um Politiker, die Politik mit Unterhaltung mischen und die Geschichte zu ihren Gunsten umschreiben. Was hat Sie dazu inspiriert?

Federico Solmi: Eine der größten Inspirationsquellen für mich war das Buch "Interviews with History and Conversations with Power" von Oriana Fallaci. Das Buch hat mich umgehauen, weil es die Schwächen, die Rücksichtslosigkeit und das theatralische Auftreten einiger der einflussreichsten politischen Führer und Diktatoren des 21. Jahrhunderts offenlegte. Dazu gehören Benito Mussolini, Henri Kissinger, Ariel Sharon oder Muammar al-Gaddafi. Die Absurdität ihrer Uniformen, wie sie Angst und Einschüchterung verbreiteten - das hat mich zur Auswahl historischer Führungsfiguren in "The Great Farce" inspiriert.

Hier leben sie in einem Freizeitpark, wo alle historischen Ereignisse zu ihrem Vergnügen nochmal aufgeführt werden. So werden Starkult und Unterhaltung mit Politik kombiniert. Alles wird zu einem Spektakel, in dem historische Genauigkeit nicht mehr wichtig ist. Überall sind Widersprüchlichkeiten. Alles führt uns zur Gegenwart, in der unsere Gesellschaft von diesen Ungenauigkeiten und Ungerechtigkeiten eingeholt wird.

readitnow.info: Woran machen Sie das fest?

Solmi: In den Vereinigten Staaten leben wir in einer Ära, die von unglaubwürdigen Medien, von Begriffen wie "Alternative Fakten" oder "Fake News" dominiert wird. Diese aktuelle politische Situation kann man nicht von der Geschichte dieses Landes, von Ungerechtigkeiten der Vergangenheit trennen - was auch für andere Länder gilt. Die gesellschaftliche Spaltung in den Vereinigten Staaten und in Europa zeigt für mich eine große kulturelle Desillusionierung. Die Leute fühlen sich ihrer Macht beraubt. Mit "The Great Farce" denken wir kontroverse Geschichte neu, indem wir sie parodieren. So heben wir Geschehnisse nochmal hervor, die in unseren Geschichtsbüchern anders dargestellt werden …

readitnow.info: … und das machen Sie an historische Figuren fest - zum Beispiel an George Washington oder General Lee, dem Oberkommandierenden der Südstaatenarmee im amerikanischen Bürgerkrieg.

Solmi: Was mich am meisten berührt, ist, dass jeder diese Figuren anders beurteilt - je nachdem, wo er herkommt. Für die einen war General Lee ein Held, für die anderen ein Monster. Selbst George Washington: Er wird in Schulbüchern glorifiziert. Beim Indianerstamm der Irokesen hat er den Spitznamen "Der Städtezerstörer". Für mich sind alle Führer in meiner Installation Schlingel, die rücksichtslos ihren eigenen Interessen als falschen Helden in Machtpositionen dienen.

readitnow.info: Der aktuellste davon ist Donald Trump. An ihm arbeiten sich derzeit viele Künstler ab. Könnten die Menschen dessen nicht etwas müde werden?

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Solmi: Die Installation analysiert Machthaber seit des Beginns der Zivilisation - von Alexander dem Großen und Sokrates über Dschingis Khan und Benito Mussolini. Es gibt eine Auswahl von amerikanischen Präsidenten, und mit dem aktuellen schließt sich praktisch der Kreis. Donald Trump ist auch nicht der Hauptcharakter: Er ist der Teil des Ensembles, das zeigt, dass unsere Probleme nicht auf die Vergangenheit reduziert sind. Mein Trump-Charakter passt perfekt in meine groteske, gleichzeitig poetische Satire.

Nach meiner Erfahrung sind die Menschen sehr an einer Kunst interessiert, die ihre Stimme erhebt. Die US-Kunstszene war für zu viele Jahre komplett abgekoppelt von der Welt, in der wir leben. Politische und sozialkritische Kunst sind marginalisiert worden. Jetzt endlich beginnen wichtige Museen und Kuratoren, sich für politische Arbeiten zu interessieren. Ich finde es wichtig, dass Künstler diese Herausforderung annehmen und den Mund aufmachen.

readitnow.info: Liegt das auch an der Reizfigur Donald Trump?

Solmi: Ich glaube, das aktuelle kulturelle und politische Klima hat zu großen Veränderungen geführt, vor allem in urbanen Zentren wie New York und L.A. Künstler werden zwangsläufig politischer, weil die Menschen gar nicht aufhören können, über Politik zu reden. Wir werden von beiden Seiten des politischen Spektrums ständig mit Neuigkeiten über den Präsidenten bombardiert. Vor allem New York fühlt sich derzeit wie ein Drehkreuz an, die Luft vibriert vor politischer Elektrizität.

readitnow.info: Werden Sie "The Great Farce" also auch in Amerika zeigen? Die Reaktionen dort könnten kontroverser sein als hier.

Solmi: Klar zeigen wir die Installation auch in den Staaten, warum nicht? Meine Galerien dort stehen schon in den Startlöchern. Ein Grund, warum wir in Amerika lange keine unbequeme politische Kunst sahen, war auch, dass die Künstler Angst hatten, den Mund aufzumachen. Ich will ihnen das gar nicht vorwerfen. Es ist nicht leicht, sich in einer Welt auszudrücken, in der Kunst wie eine Handelsware behandelt wird. Politische Kunst verkauft sich oft nicht gut, so dass Galerien dekorative und artige Kunst bevorzugen und keine politischen oder kontrovers diskutierten Künstler unterstützen.

Wenn ich im Studio bin, versuche ich, mir nicht darüber den Kopf zu zerbrechen, was andere Leute denken. Ich habe mich von Modetrends ferngehalten und bleibe bei dem, was ich tun will. Das lehre ich übrigens auch meine Studenten an der Yale-Universität. Es ist sehr wichtig, dass Künstler ehrlich zu sich sind und Trends misstrauen. Wenn sie relevant sein wollen, sollten sie Arbeiten schaffen, die ihre stärksten Überzeugungen widerspiegeln.

readitnow.info: Was ist das Ziel Ihrer Arbeit? Was soll das Publikum von "The Great Farce" mitnehmen?

Federico Solmi
Federico Solmi Bild © Federico Solmi

Solmi: Ich versuche, den Betrachtern zu vermitteln, dass sie das, was ihnen gelehrt wird, nicht akzeptieren, ohne es zu hinterfragen. Ich möchte, dass sich die Leute außerdem mit den Wegen befassen, über die Technologie - und die Vernetzung von Kulturen und Traditionen - ihre eigenen Handlungen beeinflusst. Meine Charaktere sind Puppen in einer virtuellen Welt, die durch Motion Capturing und Computerprogramme animiert werden, nicht durch Fäden. Diese Technologie hat die aktuelle Gesellschaft mit einem Chaos an Unterhaltung durchdrungen, was wiederum die Aufmerksamkeit von den Mächtigen ablenkt und den Unterschied zwischen dem vermischt, was wahr oder gefälscht ist.

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Federico Solmi

Solmi wurde 1973 in Bologna (Italien) geboren und hat sich aus Multimedia-Kunst spezialisiert. In seinen Videos kombiniert er 3D- und Gaming-Technologie mit traditionellen Mal- und Zeichentechniken. An einem Mehrkanal-Video wie "The Great Farce" sitzt er rund acht Monate mit einem zwölfköpfigen Team, das sich unter anderem aus Zeichnern, Programmierern und Cuttern zusammensetzt. Derzeit ist er außerdem Gastprofessor an der Kunstschule der Yale Universität in New Haven. Seine Arbeiten waren auf vielen internationalen Kunst- und Filmfestivals zu sehen.

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Das Gespräch führte Sonja Fouraté (übersetzt aus dem Englischen).

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