Die Staatsanwaltschaft Frankfurt hat die Ermittlungen gegen einen Frankfurter Islam-Historiker eingestellt. Der ehemalige Direktor eines Uni-Instituts wollte tausende Bücher in die Türkei bringen - bis der Zoll ihn stoppte.

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Fuat Sezgin

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Ermittlungen gegen Professor Sezgin wegen angeblichem Bücherklau eingestellt

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Gegen den 92 Jahre alten Professor Fuat Sezgin wurde wegen Unterschlagung und wegen des Verstoßes gegen das Kulturschutzgesetz ermittelt. Nun wurden die Ermittlungen eingestellt, wie eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft auf Anfrage von hr-iNFO sagte.

Jetzt darf Sezgin tun, woran er monatelang gehindert worden war: Große Teile der 30.000 Bücher umfassenden Bibliothek im in die Türkei bringen. Der Zoll hatte den Büchertransport im Mai gestoppt - und zwar am Frankfurter Flughafen. Die Uni hielt den Transport für illegal, weil sie die Bücher als Eigentum des Instituts ansah.

Das hessische Wissenschaftsministerium prüfte den Verdacht, Sezgin verstoße mit dem Abtransport der Bücher gegen den Schutz von Kulturgütern. Die Staatsanwaltschaft fand für beide Vorwürfe allerdings keine Beweise. Die Bücher gehören also dem Professor.

Sezgins Arbeitszimmer ist versiegelt

Der Wissenschaftler Sezgin forscht seit 70 Jahren zur arabisch-islamischen Wissenschaft. Er hat 17 Bände seiner Gesamtausgabe fertig und möchte weiter schreiben. Doch derzeit kommt er nicht an seine wissenschaftlichen Unterlagen. Sein Arbeitszimmer im Institut ist noch immer mit einem polizeilichen Siegel versehen. Er darf die Tür so lange nicht öffnen, bis ein Beamter das Siegel entfernt. "Ich verdanke Deutschland sehr viel, aber das, was mir jetzt widerfährt, macht mich sehr traurig", so Sezgin in hr-iNFO. Er fühlt sich so, als sei er zwischen die Mühlsteine der großen Politik geraten.

Der Hintergrund: Die türkische Regierung unter Recep Tayyip Erdogan will sich mit dem Prestige des renommierten Wissenschaftlers schmücken und richtete ihm bereits vor Jahren ein Institut auf dem Gelände des historischen Topkapi-Palasts in Istanbul ein. Eine Bibliothek für seine Frankfurter Bücher soll hinzukommen. "Ich will keine Rivalität zwischen beiden Ländern", sagt Sezgin.

Bücher können auch digitalisiert werden

Politisch lässt der Wissenschaftler eine große Distanz zu Erdogans politischem Kurs erkennen. Ihm geht es um den Erhalt seines wissenschaftlichen Lebenswerks, für das er in Deutschland keine Zukunft mehr sieht. Sezgin hatte der türkischen Regierung vorgeschlagen, seine Bücher digitalisieren zu lassen. So könnten sie auch in Frankfurt wissenschaftlich weiter genutzt werden. Die türkische Regierung habe dafür grünes Licht gegeben. 

Die Goethe-Universität erklärte auf Anfrage, sie kommentiere "staatsanwaltschaftliche Ermittlungen grundsätzlich nicht". Das Wissenschaftsministerium äußerte sich mit der gleichen Begründung wie die Uni nicht zu der Einstellung der Ermittlungen.

Institut ist derzeit führungslos

Das Institut für Geschichte der Arabisch-Islamischen Wissenschaften wurde 1982 in Frankfurt gegründet. Hinter der gleichnamigen Stiftung standen damals ein Dutzend arabische Länder. Laut Sezgin verfügt die Stiftung heute über ein Vermögen von über 30 Millionen Euro. Das Institut sitzt in einer großen Gründerzeitvilla im Frankfurter Westend. 

Im Falle einer Auflösung der Stiftung würde die Immobilie an den Staat Kuwait zurück fallen, der die Villa Anfang der achtziger Jahre gekauft hatte. Derzeit ist das Institut führungslos. Die Stiftungsaufsicht beim Regierungspräsidium Darmstadt hatte Professor Sezgin seines Amtes als Direktor entbunden. Sezgin klagt dagegen vor dem Verwaltungsgericht. Einen Nachfolger gibt es bislang nicht.

Sendung: hr-iNFO, 20.09.2017, 06.00 Uhr