Arzt misst Blutdruck
Viele Patienten auf dem Land sind auf Hausbesuche ihres Arztes angewiesen. Bild © picture-alliance/dpa

Weite Wege, viele ältere Patienten: Hausbesuche gehören für Landärzte zum täglichen Job. Zwei Ärzte im Schwalm-Eder-Kreis müssen nun aber tausende Euro zurückzahlen - weil sie angeblich zu viele Hausbesuche machen.

Videobeitrag

Video

zum Video Landärzte wegen zu vieler Hausbesuche abgestraft

Ende des Videobeitrags

Ein ganz normaler Morgen in der Hochlandpraxis in Gilserberg (Schwalm-Eder-Kreis): Das Wartezimmer ist voll, die Landärzte Marei Schöller und Nils Wagner-Praus haben alle Hände voll zu tun. Neben dem Tagesgeschäft in der Praxis machen die beiden Ärzte auch viele Hausbesuche.

Audiobeitrag
Seniorin mit Rollator

Sie können das Audio zur privaten Nutzung hier herunterladen oder im Systemplayer öffnen.

Audio

Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Zu viele Hausbesuche - Strafe für zwei Landärzte

Ende des Audiobeitrags

"Wir haben viele Patienten die älter sind und gebrechlich, wir betreuen zudem auch noch ein Hospiz", sagt Schöller. Aus diesem Grund haben die beiden Ärzte ihre Praxiszeiten vor einiger Zeit sogar gekürzt, um mehr Zeit für die Patientenversorgung vor Ort zu haben. Für diese Hausbesuche bekommen die Ärzte rund 20 Euro mehr als für eine Behandlung in der Praxis. "Dafür müssen wir aber zum Patienten hinfahren, ihn dort behandeln wieder zurück fahren und die Behandlung abends noch nachbearbeiten."

Alte Patienten scheitern oft an weiten Wegen

Nun hat eine unabhängige Prüfkommission festgestellt, dass in der Hochlandpraxis zu viele Hausbesuche abgerechnet wurden. "Jetzt müssen wir auch noch Honorare zurückzahlen – einen höheren fünfstelligen Betrag", sagt Wagner-Praus. Diese Nachricht löst bei dem Landarzt Kopfschütteln aus. Gerade auf dem Land sei es vielen Patienten gar nicht möglich, in die Praxis zu kommen. "Viele unsrer Patienten sind alt und nicht mehr mobil." Zudem fehle die Infrastruktur, Busse führen nur unregelmäßig und Angehörige lebten oft weit entfernt. Da müsse man als Arzt eben öfter zum Patienten nach Hause.

Kommission errechnet Mittelwert für Hausbesuche

Die Kassenärztliche Vereinigung verweist für das Rückzahlungsverfahren auf gesetzliche Vorgaben aus Berlin. Und die müsse jeder einhalten - auch die Ärzte in der Hochlandpraxis, erklärt ein Sprecher. Regressforderungen wie in diesem Fall seien aber die Ausnahme. Rund 12.000 Ärzte gebe es in Hessen - bei nur rund 200 habe man zwischen 2013 und 2015 Honorare zurückverlangen müssen.

Wie oft ein Hausarzt zum Hausbesuch kommen darf, ermittelt eine unabhängige Prüfstelle. Dabei würden Werte von Arztpraxen aus ganz Hessen verglichen und ein Mittelwert errechnet. Liegen Arztpraxen weit über dem ermittelten Landesdurchschnittswert, müssen sie zu viel kassierte Honorare zurückzahlen. Das findet Wagner-Praus nicht nachvollziehbar. "Weil in die Berechnung auch viele Arztpraxen in Ballungsräumen eingerechnet werden. In Frankfurt oder Wiesbaden fährt aber keiner mehr zum Hausbesuch raus – zumal dort die Wege auch kürzer und Bus und Bahn besser zu erreichen sind."

"Wir machen medizinisch notwendige Hausbesuche."

Die beiden Landärzte aus dem Schwalm-Eder-Kreis betonen, nicht ohne Grund so viel unterwegs zu sein – im Gegenteil. "Wir können mehr als 95 Prozent der Hausbesuche als medizinisch notwendig belegen", sagt Marei Schöller. "Umso mehr verstehen wir nicht, warum wir jetzt die Honorare zurückzahlen müssen."

Bestätigt wird die Einschätzung der Ärztin von Patieten wie Hildegard Botthoff. "Ich bin nicht mehr mobil, kann kaum noch laufen und bin froh, wenn der Doktor zu mir nach Hause kommt." Georg Strömmer hat ein Hausbesuch von Wagner-Praus nach eigenen Angaben sogar das Leben gerettet: "Er hat sofort erkannt, wie schlecht es mir ging, hat mich ins Krankenhaus eingewiesen und die Dialyse veranlasst."

Schlechte Argumente, um Ärztenachwuchs zu begeistern

Die Rückzahlung sei ärgerlich und vor allem keine Werbung für künftige Landärzte, sagt Marei Schöller: "Wir soll ich so einem jungen Arzt in Ausbildung das Leben als Landarzt schmackhaft machen." Das sei ein Problem, denn die Arztversorgung auf dem Land werde immer problematischer, viele Hausärzte, die ihre Praxis aufgeben, fänden jetzt schon keinen Nachfolger. Wagner-Praus fordert, Ärzte nicht weiter zu bestrafen, die nah am Patienten sind. "Nur so können wir auch auf dem Land eine einigermaßen funktionierende Versorgung der Patienten sicherstellen", sagt er.

Er und seine Kollegin wollen jetzt noch genauer prüfen, was man sich als Praxis leisten könne und was nicht. Nur eines steht für die Landärzte in Gilserberg fest: Die beiden wollen auch in Zukunft weiter zu ihren Patienten nach Hause fahren, wenn es nötig ist.