"Im Stich gelassen": Ralf und Reiner Bender
"Im Stich gelassen": Reiner (v. li.) und Ralf Bender Bild © Wolfgang Türk (readitnow.info)

Sie übersprühten Hakenkreuze und wurden dafür bestraft. Das machte die Zwillingsbrüder Ralf und Reiner Bender aus Runkel bundesweit bekannt - und zur Zielscheibe von Drohungen. Im Kampf gegen Rechts fühlen sie sich inzwischen im Stich gelassen.

Ralf Bender schließt jetzt abends immer das Hoftürchen ab und schaltet die Alarmanlage ein. Nimmt man die Hass-Botschaften wörtlich, die seit Monaten im Briefkasten landen, müssen er und sein Bruder Reiner sich zwar erst nach einem wie auch immer gearteten Machtwechsel vor einem "Tribunal" verantworten. Aber wer weiß, ob der Verfasser der Briefe oder mögliche Gesinnungsgenossen wirklich so lange warten wollen.

"Völkermord am deutschen Volk" ist das Verbrechen, das den Zwillingsbrüdern aus dem Runkeler Stadtteil Wirbelau (Limburg-Weilburg) vorgeworfen wird. Der Schreiber ist bekannt: ein pensionierter Lehrer aus Frankfurt, der sich zu den Mitbegründern der Grünen in Hessen zählt.

Als "demokratisch-freiheitlicher Linkspatriot" fühlt der sich inzwischen auf der Seite von AfD und Pegida besser aufgehoben. Seine Gegner sind, wie den Botschaften zu entnehmen ist, das "Regime", das Flüchtlinge aufnimmt, die "Ehe für alle" beschließt und all die "rotgrünroten Nationalverräter": SPD, Jusos, Gewerkschaften, Antifa - und besonders die Brüder Bender.

1.000 Euro Strafe für das Übersprühen von Hakenkreuzen

"Wir wollen nicht für Aufhebens sorgen. Trotzdem haben wir Angst. Wir sind im Fokus dieser Leute", sagt Ralf Bender. Sein Bruder ist seit einem Unfall querschnittsgelähmt. Und es sind ja nicht nur die Briefe eines Ex-Lehrers, der Holocaust- und Euthanasiemorde leugnet, der über Stätten dieser Verbrechen textet: "PS: Ich glaube weder an Auschwitz noch an Hadamar!" und der ankündigt: "Wenn die Macht geht, werdet Ihr vors Tribunal gezerrt wie 1945."

Mal klingelt ein Nazi an der Tür: Ralf soll rauskommen, wenn er sich traue. Mal wird Reiners Wagen beschädigt. Dann beschimpft ein Autofahrer die Brüder an der Tankstelle: "Euch kenn‘ ich doch!" So schlimm ist es nach Schilderung der beiden Sozialpädagogen im Schuldienst erst, seit ein Gericht sie der Sachbeschädigung schuldig befand.

Als die Stadt Limburg nichts gegen Hakenkreuzschmierereien auf Straßenschildern in der Nähe zweier Schulen unternahm, griffen Ralf und Rainer selbst ein und übersprühten alles mit schwarzer Farbe. Da wurde das Ordnungsamt doch aktiv - aber gegen die Brüder, die überzeugte Sozialdemokraten sind und sich seit ihrer Jugend als Antifaschisten begreifen. Das Landgericht verurteilte die Zwillinge vor zwei Jahren zur Zahlung von knapp 1.000 Euro.

"Von der Mitte der Gesellschaft im Stich gelassen"

Das "grotesk ungerechte Urteil" und den damit verbundenen Makel bekommen die Benders ihrer Meinung nach immer noch zu spüren. Trotz vieler Sympathie-Kundgebungen und einer Spendensammlung sagt Reiner Bender nun sogar: "Wir hätten nicht gedacht, dass wir von der Mitte der Gesellschaft im Stich gelassen und sogar zu Buhmännern gemacht werden."

Damit meinen die beiden auch eigene Parteifreunde. Mit den Spenden, die nach dem Gerichtsurteil eingingen, wollten die Benders eigentlich Gedenkstätten für die Opfer des Holocaust in Weilburg und Limburg finanzieren. Doch daraus wurde bis heute nichts. Ein SPD-Lokalpolitiker winkte ab mit der Begründung, die beiden Brüder seien durch ihre Kritik an der Stadtverwaltung zu "Nestbeschmutzern" geworden.

Justiz mag nur "sprachliche Entgleisungen" entdecken

Auch von der Justiz fühlen sich die Brüder in ihrem Kampf gegen Rechts allein gelassen. Seit Monaten darf ein Mann aus Niederbrechen bei Limburg in seinem Internetblog einen "kleinen Holocaust" gegen militante G20-Gegner fordern. Die Benders und andere Bürger erstatteten Anzeige wegen Volksverhetzung, bislang ohne Wirkung. Die Staatsanwaltschaft Limburg sprach von "sprachlichen Entgleisungen", die nicht strafbar seien.

Unterdessen bekommen die Benders weiter Post von ihrem Dauer-Brieffeind. Trotz einiger Gerichtsprozesse - im Sommer etwa wurde er in Limburg lediglich wegen Beleidigung in erster Instanz zu einer Geldstrafe verurteilt - hat der pensionierte Lehrer aus Frankfurt offenbar noch genügend Zeit für neue Briefe. In einem freute er sich über das, was die Justiz ihm und anderen durchgehen lassen müsse: "Die Negation des Holoc. in privaten Briefen ist keine strafbare Volksverhetzung, weil sie nicht Öffentlichkeit ist."

"Die Negation des Holoc. in privaten Briefen ist keine strafbare Volksverhetzung, weil sie nicht Öffentlichkeit ist." Auszug aus einem der der Hass- und Drohbriefe an die Brüder Bender.
"Die Negation des Holoc. in privaten Briefen ist keine strafbare Volksverhetzung, weil sie nicht Öffentlichkeit ist." Auszug aus einem der der Hass- und Drohbriefe an die Brüder Bender. Bild © Wolfgang Türk (readitnow.info)

Verleger: Rechte traut sich mehr

Und der pensionierte Lehrer hat inzwischen auch andere Adressaten für seine Botschaften gefunden. Der Frankfurter Verleger Klaus Philipp Mertens geriet mit öffentlichkeitswirksamer Arbeit gegen Fremdenfeindlichkeit und Rechtsextremismus ebenfalls ins Visier des Hassbriefschreibers.

"Ich fühle mich sehr wohl bedroht. Das ist doch kein verirrter Einzelgänger", sagt Mertens. Der Fall offenbart seiner Meinung nach ebenso wie der des Bloggers, der vom "kleinen Holocaust" sprechen darf, eine bedenkliche Laxheit der Justiz. Dass Rechte sich immer mehr trauten, wenn man ihnen nicht entgegentrete, habe sich gerade erst mit dem Auftritt des Antaios-Verlags auf der Buchmesse gezeigt.

Wie Mertens wollen sich aber auch Rainer und Ralf Bender, die Brüder aus Wirbelau, nicht einschüchtern lassen. "Wir waren immer Außenseiter und wissen, dass wir nerven. Aber gerade wenn die Tabubrüche zunehmen, haben wir doch eine besondere Verantwortung gegenüber den Opfern des Holocaust", sagt Reiner Bender.

Über einen Anwalt haben sie beim Staatsschutz erneut Anzeige gegen den notorischen Hassbriefschreiber erstattet: unter anderem wegen Verharmlosung der NS-Gewaltherrschaft, Aufruf zur Volksverhetzung und Bedrohung.