Pflege Selbstversuch Tag 4
Kathrin Wesolowski mit dem Pflegeheimbewohner Alexander Pfeiffer. Bild © readitnow.info

Auch Pornografie, Sexualassistenten und Alkohol gehören zum Pflegeheim dazu. Vor welche Herausforderungen Sexualität im Alter die Pfleger stellt, hat unsere Reporterin am vierten Tag ihres Selbstversuchs erfahren.

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Mein vierter Tag

"Hast du heute schon gefrühstückt?", fragt mich Pfleger Franco Del Prete am Morgen meines vierten Tags im Julie-Roger-Haus. Ich bejahe, und er schüttelt nur besorgt den Kopf. Heute bin ich das erste Mal bei der Behandlungspflege dabei. Mir könne wegen des Anblicks der Wunden schlecht werden, meint er.

Wir gehen zu einem Mann, der schon seit Jahren Raucher ist, und dessen Arterien verstopft sind. Am rechten Schienbein hat er deswegen eine eitrige Wunde, sein gesamter rechter Fuß ist dagegen sehr trocken und voller Fußpilz. Franco Del Prete ist als Pfleger dafür da, sich die Wunde anzuschauen und gegebenenfalls Salben oder andere Medikamente darauf anzuwenden.

Dem Mann ist klar, dass seine Wunde wegen seines Lebensstils entstanden ist. Täglich raucht er einige Zigaretten - aufhören möchte er nicht. "Die Bewohner dürfen hier leben, wie sie wollen", erklärt mir Franco Del Prete. Egal, ob sie davon noch kränker werden, als sie schon sind. Der Mann trinkt auch ganz gerne Alkohol, spricht offen über den Genuss von Whiskey. Er hat viele Jahre seines Lebens getrunken. Warum soll er es nun nicht mehr tun?

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Darum mache ich den Selbstversuch

Die Altenpflege hat ein schlechtes Image. Viele Menschen stellen sich die Arbeitsbedingungen eines Altenpflegers unattraktiv vor: körperlich anstrengend, unterbezahlt und mit unflexiblen Arbeitszeiten. Es gibt viel zu wenige Pfleger. Aber wie hart und stressig ist die Arbeit eines Altenpflegers wirklich? Welche schönen Seiten hat der Beruf?
Das möchte ich in einem Selbstversuch im herausfinden. Fünf Tage lang werde ich dort als Pflegehelferin mitarbeiten. Mir ist klar, dass ich keine allgemein gültigen Aussagen werde treffen können und ich in dieser Zeit nur einen Eindruck bekommen werde - aber immerhin.

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Die sexuellen Bedürfnisse der Bewohner

"Leih dir doch mal ein paar Filmchen aus", sagt der Mann während der Behandlung halb scherzhaft zu Franco Del Prete. Wenn er von Filmchen spricht, spricht er von Pornos mit Titeln wie "Dralle Backen" oder "Die Pfarrerin - Liebe Deinen Nächsten". Ganz offen spricht der Mann auch mit mir darüber. "Ist ja nicht so, als würde ich mir die immer anschauen, wenn ich in meinem Zimmer bin", erklärt er. Ab und zu aber schon. Grinsend zeigt er uns das Hintergrundbild seines Handys: große, weiße, etwas ältere Brüste. "Das Foto hat mir eine Bekannte geschickt", sagt er lächelnd.

Das Pflegeheim geht ganz offen mit den sexuellen Bedürfnissen der Bewohner um. Es spielt keine Rolle, ob Bewohner homo-, bi- oder heterosexuell sind - alle seien willkommen, sagt Hausleiter Armin Blum. Das merke ich auch in der Pflege. Am Morgen pflegen wir einen Bewohner, auf dessen Nachttisch ganz offen ein Magazin für Homosexuelle liegt. An seiner Wand hängen Fotos von ihm und seinem Lebensgefährten.

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"Die körperliche Nähe, die fehlt ihnen einfach", sagt Pflegefachkraft Stefan Schröder. Im Alltag habe er schon häufiger mitbekommen, dass Bewohner sexuelle Bedürfnisse äußerten. Einmal habe ihn eine Frau sogar gebeten, ihr den Intimbereich zu waschen - obwohl sie das eigentlich ganz alleine könne. "Da habe ich dankend abgelehnt", sagt Schröder.

Auch Pflegerin Heidemarie Gemes habe so etwas einmal erlebt. "Wasch weiter, dann wird er größer", habe mal ein Bewohner während der Intimpflege zu ihr gesagt. Da müsse man als Pfleger einfach klar sagen, wo für einen persönlich die Grenzen liegen und was man auf solche Anspielungen antworten möchte. Für solche sexuellen Bedürfnisse lässt das Pflegeheim manchmal Sexualtherapeuten kommen oder verteilt Pornohefte oder Videos. Einmal im Jahr gibt es im Heim auch eine Stripshow.

Der Zusammenhalt des Pflegeteams

Bereits an meinem zweiten Tag habe ich davon berichtet, wie positiv ich die Zusammenarbeit des Teams in meinem Wohnbereich sehe. Natürlich bekomme ich auch mit, dass sich Pfleger ab und zu über Fehler von anderen Pflegern aufregen. Insgesamt bin ich aber überrascht, wie wohlwollend ich in das Team aufgenommen wurde. Sehr ehrlich sprechen Pflegerinnen und Pfleger mit mir über ihre Arbeit, äußern beispielsweise auch, dass sie der Zustand der Bewohner manchmal betroffen mache.

Den Zusammenhalt bemerke ich vor allem in den Reaktionen der Pfleger auf meinen Beitrag zum dritten Tag meines Selbstversuchs. Dort habe ich berichtet, dass es mich traurig macht, alte Menschen zu sehen, die sich nicht mehr bewegen und sich nicht mehr äußern können. Franco Del Prete meint, ich könne solche Gedanken gerne aussprechen und mit ihm darüber sprechen. Es erstaunt mich, mit wie viel Offenheit einige Pfleger auf mich zugehen. Es zeigt mir, wie wichtig ein gutes, aufeinander eingehendes Team in der Pflege und im Leben sind.

Täglich können Sie auf meinen Tag im Pflegeheim verfolgen. Jeden Abend ziehe ich Zwischenbilanz auf readitnow.info. So erging es mir am ersten, am zweiten und am dritten Tag.