Ali B. wird von Beamten einer Spezialeinheit zu einem Polizeihubschrauber gebracht.
Ali B. wird von Beamten einer Spezialeinheit zu einem Polizeihubschrauber gebracht. Derzeit sitzt der 21-Jährige in Untersuchungshafaft. Bild © picture-alliance/dpa (Archiv)

Ein Flüchtling hat die Tötung der 14-jährigen Susanna in Wiesbaden gestanden. Daraus Schlüsse auf alle Geflüchteten zu ziehen, wäre falsch. Ein Marburger Psychologe sieht genau diese Gefahr. Vor allem auf Facebook tobt der Mob.

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Der Fall der getöteten Susanna weckt Ängste in Teilen der Bevölkerung, die aus Expertensicht auch durch Fehleinschätzungen entstehen. "Wir müssen uns darüber im Klaren sein, dass wir Wahrnehmungsfehlern unterliegen und zur Überschätzung der tatsächlichen Zustände neigen, wenn es um den Zusammenhang von Kriminalität und bestimmten Gruppen geht", sagte der Marburger Sozialpsychologe Ulrich Wagner.

"Wenn wie jetzt ein schreckliches Verbrechen geschieht und ein Mensch mit Fluchthintergrund der Täter sein soll, dann bleibt uns das viel besser im Gedächtnis hängen als wenn wir allgemein hören würden: Eine junge Frau ist Opfer einer sexualisierten Gewalttat geworden", erläuterte der Wissenschaftler. Das veranlasse die Menschen leicht zu der Annahme und Fehlwahrnehmung, dass sehr viele oder alle Flüchtlinge so seien: "Wir überschätzen die Größenordnung."

"Fehlschluss, dass alle Geflüchteten so sind"

Der 20 Jahre alte irakische Flüchtling Ali B. steht im Verdacht, die 14-jährige Susanna aus Mainz vergewaltigt und umgebracht zu haben. Ihre Leiche war am Mittwoch in einem Erdloch in Wiesbaden gefunden worden. Die Tötung hat Ali B. nach Angaben der Wiesbadener Staatsanwaltschaft bei seiner Vernehmung auf deutschem Boden gestanden. Eine Vergewaltigung bestritt er.

"Wir kommen zu dem Fehlschluss, dass alle Geflüchteten so sind", sagte Wagner. Das schüre Angst vor bestimmten Gruppen. "Das führt dann auch dazu, dass es zu Fremdenfeindlichkeit kommt und sich das Thema politisch ausnutzen lässt."

Facebook als Sammelbecken für rassistische Strömungen

In den Kommentarspalten bei Facebook, dort, wo der Ton traditionell rau ist, hat der Fall Susanna die Emotionen im besonderen Maße hochkochen lassen. "Die Leute haben den Bogen teilweise weit überspannt, etwa mit Todesdrohungen", sagte Andreas Rolle readitnow.info. Rolle betreibt privat die Facebook-Seite "Lust auf Wiesbaden!". Rund 20.000 User nutzen normalerweise, um auf Veranstaltungen hinzuweisen und Bilder zu teilen.

In den vergangenen Tagen jedoch gab es dort fast nur ein Thema. "Der Fall hat eine hohe Emotionalität in Gang gesetzt. Das haben wir entsprechend gespürt", sagte Rolle. Er habe zahlreiche User wegen rassistischer Ausfälle gesperrt.

Aufrufe zur Lynchjustiz, Beschimpfungen und weitere Verstöße gegen die Netiquette führten auch auf der dazu, dass teilweise bis zu 50 Prozent der Kommentare unter den Beiträgen zum Fall Susanna gelöscht werden mussten.

Psychologe rät zu Kontakt mit Flüchtlingen

Jenen, die dem Thema sachlich begegnen, rät der Psychologe Wagner dazu, den eigenen Sorgen zu begegnen. Etwa indem man sich bewusst mache, dass die Wahrscheinlichkeit, dass man selbst oder das eigene Kind Opfer einer solchen Tat werde, gering sei. "Das muss man sich vor Augen halten, um die eigene Rationalität und Bewegungsfreiheit zu bewahren."

Zudem helfe direkter Kontakt, wenn die anonyme Gruppe der Flüchtlinge Ängste auslöse: "Kontakt ist eine sehr effektive Möglichkeit, unangenehme Gefühle bis hin zu Angst zu bekämpfen. Auf die Menschen zugehen, Erfahrungen machen und feststellen: Da gibt es nette und da gibt es weniger nette."