Pflege Selbstversuch
Kathrin Wesolowski mit der Bewohnerin Brigitte Kurz. Bild © readitnow.info

Die Begegnung mit einer alten Frau hat unsere Reporterin am dritten Tag ihres Selbstversuchs in einem Frankfurter Pflegeheim traurig gemacht. Sie berichtet außerdem von einem Pfleger, der den Beruf nicht noch einmal wählen würde.

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Mein dritter Tag

"Wenn sie einen ordentlichen Stuhlgang hat, ist sie von oben bis unten dreckig", sagten einige Pflegerinnen und Pfleger in den vergangenen Tagen zu mir. Sie sprachen dabei über eine Frau, die ihren Stuhlgang überhaupt nicht kontrollieren kann. Aufgrund von ihrer Spastik und ihren Lähmungen spürt sie wenig an ihrem Unterkörper.

Als wir heute ins Zimmer der Frau kommen, liegt sie auf ihrem Bett. Sie liegt in ihren eigenen Fäkalien, im Raum riecht es sehr streng. Ich sehe dabei zu, wie Pfleger Franco Del Prete die Frau sauber macht. Ihre Decke ist extrem mit bröckeligen Fäkalien beschmutzt. Ich bringe sie in den Reinigungsraum, wo mir der Geruch erst richtig entgegen schlägt. Mir wird etwas übel.

Ich werfe die Decke schnell in den Wäschekorb und knalle den Deckel zu. Gleichzeitig fühle ich mich schlecht, dass ich diesen Ekel empfinde - die Frau kann ja nichts dafür.

Zurück im Zimmer bemerke ich, dass ein Fuß und ein Oberschenkel der Frau noch etwas verschmutzt sind. Ich tupfe sie mit einem nassen Waschlappen vorsichtig sauber. Am Ende ist die Frau erleichtert, dass wir sie sauber gemacht haben. Sie witzelt mit uns herum. Auch ich lächle und freue mich, dass wir ihr helfen konnten.

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Darum mache ich den Selbstversuch

Die Altenpflege hat ein schlechtes Image. Viele Menschen stellen sich die Arbeitsbedingungen eines Altenpflegers unattraktiv vor: körperlich anstrengend, unterbezahlt und mit unflexiblen Arbeitszeiten. Es gibt viel zu wenige Pfleger. Aber wie hart und stressig ist die Arbeit eines Altenpflegers wirklich? Welche schöne Seiten hat der Beruf?
Das möchte ich in einem Selbstversuch im herausfinden. Fünf Tage lang werde ich dort als Pflegehelferin mitarbeiten. Mir ist klar, dass ich keine allgemein gültigen Aussagen werde treffen können und ich in dieser Zeit nur einen Eindruck bekommen werde - aber immerhin.

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Das macht mich traurig

Am Morgen habe ich einer Bewohnerin Toastbroat mit Butter und Marmelade und Bananenstückchen angereicht. Die Frau kann sich kaum bewegen, hört und sieht schlecht und antwortet kaum auf Fragen. Während ich ihr das Essen gebe, erfüllt mich plötzlich eine tiefe Traurigkeit.

Ich stelle mir vor, wie es wäre, wenn meine Großmutter dort unselbstständig liegen würde - oder meine Eltern. Denn es gibt auch vergleichsweise junge Bewohner in dem Pflegeheim: Heute habe ich beispielsweise eine 52-Jährige Bewohnerin mit Down-Syndrom kennengelernt.

Ich stelle mir vor, wie es sich anfühlen muss, nichts mehr selbst tun zu können und einfach vor sich hinzuleben. Ich merke, dass ich mir nichts sehnlicher wünsche, als dass ich als Seniorin nicht in diese Situation komme.

Die Frau hat in ihrem Leben sicherlich sehr viel erlebt - und jetzt liegt sie da, muss sich von fremden Menschen pflegen lassen und möchte das vielleicht gar nicht. Ich hoffe, dass weder meine Eltern noch ich in so eine Situation kommen werden.

Das fehlt einem Pfleger in seinem Beruf

Heute helfe ich Franco Del Prete bei der Pflege. Er ist Pflegefachkraft und arbeitet als Praxisanleiter Auszubildende ein. "Ich helfe gerne Menschen", sagt er, während er gerade eine Bewohnerin versorgt: "Aber mit diesem Beruf gibst du dein Privatleben auf." Häufig nehme er die Arbeit mit nach Hause. "Die professionelle Distanz ist nicht immer möglich", sagt er.

Dem Pfleger fällt es besonders schwer, wenn ein Bewohner stirbt, der ihm nahe steht. Solche Situationen ließen einen nicht mehr los, sagt Franco Del Prete.

Er mag zwar die Nähe zu den Bewohnern, wie er sagt, würde die Ausbildung zum Pfleger aber nicht noch einmal machen. "Es gibt zu wenig Anerkennung für den Beruf", sagt er. In der Gesellschaft sei der Beruf nicht angesehen, obwohl er wichtig sei. Zudem sei die Bezahlung einfach zu gering. "Viele Pfleger haben neben ihrer Vollzeitstelle noch einen Nebenjob", berichtet Franco Del Prete.

Der Pfleger bemängelt auch den geringen Praxisteil in der Ausbildung. Theorie und Praxis könnten sich sowieso nicht immer decken, aber häufig hätten frisch examinierte Pfleger anfangs Probleme in der Arbeit.

Das Julie-Roger-Haus: ein durchschnittliches Pflegeheim

Zu den bisherigen Beiträgen meines Selbstversuchs gab es einige kritische Kommentare, auf die ich kurz eingehen möchte. In meinem ersten Beitrag habe ich von fünf Pflegern für 33 Bewohner gesprochen - das bezieht sich nur auf den Wohnbereich, in dem ich tätig bin. Im Julie-Roger-Haus leben insgesamt 117 Menschen.

Gemäß hessischem Pflegepersonalschlüssel sind in meinem Wohnbereich mindestens vier Pfleger für 33 Bewohner vorgeschrieben. An meinem ersten Tag hatten die Bewohner sozusagen das Glück, dass in dem Wohnbereich eine Pflegekraft mehr anwesend war - an Wochenenden sind meistens weniger Pfleger da.

Nach Auskunft des Heimträgers, das ist der Frankfurter Verband, gilt im Julie-Roger-Haus derselbe Personalschlüssel wie in den anderen Heimen des Verbands und darüber hinaus in ganz Hessen. Eigentlich bräuchten sie mehr Personal, sagte der Heimleiter zu mir. So scheint auch die Situation in anderen Häusern zu sein. Das Haus, auch wenn es besonders gemütlich eingerichtet ist, ist demnach ein durchschnittliches Pflegeheim.

Grundsätzlich zeigt der Selbstversuch natürlich meine Perspektive auf die Pflege und bildet die Tage ab, die ich mitbekomme. Dass es auch mal sein kann, dass Pfleger keine Pause machen können oder es mehrere Notfälle an einem Tag geben kann, ist mir klar. Mit dem Selbstversuch zeige ich, wie ich den Alltag und die Arbeit in einem Pflegeheim erlebe. Dazu spreche ich mit den Pflegern über ihre Erfahrungen.

Täglich können Sie auf meinen Tag im Pflegeheim verfolgen. Jeden Abend ziehe ich Zwischenbilanz auf readitnow.info. So erging es mir am ersten und am zweiten Tag.