Kippa
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Zum Kippa-Tag am 70. Jahrestag der Staatsgründung Israels verteilt ein Reporter die jüdischen Gebetskäppchen in einer Frankfurter Hochhaus-Siedlung, in der viele Muslime leben. Wie fallen die Reaktionen aus? Ein Erfahrungsbericht.

Die Versuchsanordnung ist einfach: In Frankfurt ist Kippa-Tag, der Magistrat ruft alle Bürger auf, aus Solidarität mit jüdischen Frankfurtern an diesem Tag das kleine Käppchen zu tragen. Also gehe ich mit einem Beutel Kippot, wie die Mehrzahl von Kippa lautet, durch die Stadt – und zwar dahin, wo ich mit einer eher verhaltenen Reaktion Tag rechne: In die Siedlung am Ben-Gurion-Ring im Norden der Stadt.

Hoher Ausländeranteil

hr-Team interviewt einen Optiker
Das hr-Team interviewt einen Ladenbesitzer, der sich spontan die Kippa aufsetzt. Bild © Tobias Lübben (hr-iNFO)

Die Siedlung erstreckt sich über die Grenze der Stadtteile Nieder-Eschbach und Bonames. Sie ist von großen Wohnhochhäusern und einem hohen Ausländeranteil geprägt, war lange als sozialer Brennpunkt verschrien. Gewalt- und Drogenkriminalität, Diebstahl und Vandalismus haben den Ruf des Viertels auf Jahre ramponiert. Inzwischen gilt die Gegend um den Ben-Gurion-Ring nicht mehr als Problemviertel. Aber in der Straße, die nach dem Staatsgründer Israels benannt ist, eine Kippa tragen? "Ungern", sagt Azizulhaq Muqim.

Der Afghane lebt seit vielen Jahren hier, ist Moslem und hat nach eigenem Bekunden "nichts gegen Juden". Er sagt aber auch, mit einer Kippa auf dem Kopf habe er ein unangenehmes Gefühl. "Der Platz heißt Ben-Gurion-Ring, aber hier leben so viele Araber und andere Nationalitäten. Und die haben einen Konflikt mit Israelis." Wer sich offen zum Judentum bekenne, könne Probleme bekommen. Dennoch nimmt er gerne eine Kippa mit – er werde sie seinen Kindern zeigen, sagt Muqim.

Viel Unwissenheit

Walter Johann Enste ist völlig frei von Ängsten. Enste arbeitet in einem Augenoptik-Geschäft mitten in der Siedlung. Er nimmt mir die Kippa aus der Hand und setzt sie gleich auf. Er ist Katholik, hat Respekt vor allen Religionen: "Es gibt keinen Glauben, den man ablehnen muss. Der Glaube an sich ist etwas Positives." Den Kippa-Tag hält er für eine gute Idee, hatte aber nichts davon gehört.

Überhaupt ist von der Aktion der Stadtregierung am Ben-Gurion-Ring offenbar nichts angekommen. Nur einer von zehn Befragten ist über den Kippa-Tag im Bilde. Und viele wissen auch mit der jüdischen Kopfbedeckung nichts anzufangen. Ich habe die schlichten, weißen Kippot im Gepäck, die vom Frankfurter Bürgermeister Uwe Becker zur Verfügung gestellt wurden. Ein kreisrundes Stück Synthetik-Gewebe, mit zwei Nähten in Kappenform gebracht.

Ein Filter? Eine Atemschutzmaske?

"Ist das ein Filter?", fragt ein Mann, der sich als gläubigen Moslem bezeichnet. Ein anderer tippt auf eine Atemschutzmaske. Ein dritter, der Labortechniker Markus Ott, kommt nach einigem Grübeln darauf: "Das ist doch dieses Mützchen!" Aufsetzen will er es allerdings nicht. Er habe überhaupt nichts gegen den jüdischen Glauben, aber "als Christ fühlt sich das komisch an." Irgendwie gekünstelt und im Wortsinn aufgesetzt.

Doch die meisten Befragten haben eine andere Haltung – eine positive. So wie der junge Moslem Munib Ahmad Mian, der für den jüdischen Fußballclub Makkabi Frankfurt gekickt hat. Sein Motto: "Liebe für alle, Hass für keinen." Oder der junge Vater Matthias Papst, selbst keiner Religion verbunden: Er nimmt die Kippa, setzt sie auf und verschwindet mit Kinderwagen und Gebetskäppchen in der Hochhaus-Siedlung.

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Sichtbares Zeichen jüdischen Glaubens

Gläubige jüdische Männer erkennt man oft an der Kippa, dem kleinen, runden Stoff-Käppchen, das sie auf dem Hinterkopf tragen. Das jüdische Gesetz schreibt sie nicht zwingend vor, aber unter orthodoxen Juden ist sie zur verpflichtenden Tradition geworden: vor allem als Bekundung der Demut vor Gott. Wichtig ist, dass der Kopf bedeckt ist; Schirmmützen und Hüte haben daher die gleiche Funktion. In der Synagoge und an Festtagen setzen auch weniger strenggläubige Männer und selbst Nichtjuden mitunter eine Kippa auf. Orthodoxe Juden tragen die Kippa ständig, selbst als Kind. Ultraorthodoxe tragen sie sogar unter ihrem Hut. Auf Märkten gibt es sie in aller Art zu kaufen: aus schwarzem Samt oder gehäkelt, in den Nationalfarben Israels, mit Smiley oder in den Regenbogenfarben.

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Sendung: hr-fernsehen, readitnow kompakt, 14.Mai 2018, 22.30 Uhr