Tobias Kautz auf dem Gelände der Frankfurter Goethe-Universität
Tobias Kautz auf dem Gelände der Goethe-Universiät. Bild © Anikke Fischer

Tobias Kautz ist mit seinen 16 Jahren einer der jüngsten Studenten Hessens. Der Offenbacher besucht seit Oktober die Goethe-Universität in Frankfurt - und genießt, dass er dort trotz seines Alters kaum auffällt.

Der Hörsaal in der Frankfurter Goethe-Universität ist proppevoll. "So, meine Damen und Herren, lassen Sie uns unsere Reise in die Finanzwelt fortsetzen!", beginnt der Dozent seine Vorlesung. Aufmerksam lauscht Tobias Kautz den Erläuterungen und macht sich auf seinem Laptop Notizen. Vor drei Monaten ist er 16 Jahre alt geworden - er ist einer der jüngsten Studienanfänger in Hessen.

Im Hörsaal geht es um Investitionen und Finanzprodukte, es fallen Begriffe wie Tangentialportfolio und Kapitalmarktlinie. Für Tobias kein Problem. Sein Abitur-Notendurchschnitt ist 1,0. Zweimal hat der hochbegabte Offenbacher eine Schulklasse übersprungen. Seit dem Wintersemester studiert er an der Frankfurter Goethe-Universität Politikwissenschaft und Betriebswirtschaftslehre.

16 Jahre alte Studenten sind eine Seltenheit

Nach wie vor sind so junge Studenten wie Tobias eine Seltenheit. Nach Angaben des Statistischen Landesamts sind seit Beginn der Erfassung im Wintersemester 1992/93 bis zum Wintersemester 2016/17 insgesamt nur 20 Studienanfänger im Alter von 16 Jahren bekannt.

Im Studium empfindet Tobias sein Alter nicht nur als Nachteil: "Junge Leute können sich während des Studiums noch umorientieren - oder gleich zweimal studieren." Für sich selbst sieht er jedoch keine Notwendigkeit, sich mit seinen Studienfächern umzuorientieren. Bisher ist er zufrieden mit seinem Studium. Und ihm gefällt die Anonymität der Universität: "Die Lehrenden wissen nicht, dass man jünger ist. Wenn es nicht an die große Glocke gehängt wird, ist es einfacher."

Keine Extrabehandlung für junge Minderjährige

Minderjährige, hochbegabte Studenten werden an der Universität genauso behandelt, wie alle anderen auch. Lediglich einen kleinen formellen Unterschied gibt es: Tobias hat eine Generalvollmacht seiner Eltern, die ihm erlaubt, alle mit dem Studium zusammenhängenden Entscheidungen selbst treffen zu dürfen. Und beim Einschreiben für sein Studium musste er gezwungenermaßen - nach Rücksprache mit der Universität - flunkern: "In der Online-Bewerbung wurde mein Geburtsdatum nicht akzeptiert - deshalb musste ich mich älter machen und mein richtiges Alter an anderer Stelle noch einmal erwähnen."

Im Februar schreibt Tobias seine ersten Klausuren. Wie er abschneiden wird, kann er noch nicht einschätzen. "Ich kenne die Bewertungsmaßstäbe noch nicht so gut. Ich bin eher unsicher - und das ist nicht so ein gutes Gefühl."

"Irgendwie hat alles mit Politik zu tun"

Die Fächer hat er ganz gezielt ausgewählt: Politik und Wirtschaft zum Beispiel hatte er als Leistungskurs in der Schule, hier hat ihn sein Interesse geleitet. "Politik ist allumfassend", erzählt Tobias. "Irgendwie hat alles mit Politik zu tun - auch wenn man nur ein Brötchen kauft, unter welchen Bedingungen es produziert wird und welche Bestimmungen es dazu gibt." Betriebswirtschaftslehre hingegen hat er als "zusätzliche Absicherung" gewählt.

Wohin es damit einmal beruflich gehen soll, weiß Tobias noch nicht genau. "Ich kann schwer sagen, was mein Wunschleben ist oder mein Wunschberuf. Ich schätze, es wird am ehesten in Richtung Wirtschaft gehen, wie zum Beispiel Unternehmensberatung."

Neue Freunde gefunden

Die Vorlesung ist vorbei, die Studenten drängen aus dem Hörsaal. Unter ihnen fällt der 16-jährige Tobias gar nicht weiter auf. Das ist ihm auch am liebsten so, denn zu Schulzeiten hat der Umgang mit seiner Hochbegabung ihm das Leben nicht immer einfach gemacht. Das habe zeitweise aber auch an dem Klassenklima gelegen, dadurch sei das Herausstechen wegen seines Alters und seiner Noten zu etwas Schlechtem geworden. "Die Zeiten waren nicht immer rosig." Nach dem letzten Wechsel aus der 8. in die 9. Klasse habe sich das jedoch deutlich gebessert.  

Heute trifft sich Tobias gerne hin und wieder mit ehemaligen Schulkameraden. Aber auch an der Uni hat er Freunde gefunden, darunter einen 26 Jahre alten Kommilitonen. Mit Gesprächen über den Lernstoff findet der junge Student schnell einen sicheren ersten Anknüpfungspunkt.

"Ich bin nicht so der Partymensch"

Es ist schon Abend, Tobias macht sich jetzt auf den Heimweg. Das Partyleben eines Studenten wird auf Tobias noch eine Weile warten müssen. Lust darauf hat er aber ohnehin nicht. Seine Eltern würden es ihm zwar erlauben, abends auszugehen und ein bisschen zu feiern: "Aber ich bin nicht so der Nacht- und Partymensch." Außerdem ist seine Zeit knapp bemessen. Neben dem Studium jobbt er inzwischen dreimal pro Woche in einer Softwarefirma als Werkstudent.

Heute wird Tobias nicht mehr lernen, er freut sich jetzt auf die Zeit mit seinen Eltern. "Familie ist mir sehr wichtig." Und ein bisschen lesen möchte er heute noch, in der Print-Ausgabe des "Spiegel", vielleicht noch online die "Tagesschau in 100 Sekunden" gucken. Dann reicht es ihm für heute.