Viele Jugendämter in Deutschland sind am Limit. Sie brauchen dringend Unterstützung - auch in Hessen, wie eine aktuelle Studie zeigt. Denn auch hier sind viele Kinder von Gewalt, Missbrauch und Verwahrlosung bedroht.

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Verdacht auf Schütteltrauma - das versetzt Sandra Krause-Ackermann vom Jugendamt Wiesbaden sofort in Alarmstimmung. Ein Arzt einer Wiesbadener Klinik hatte sie angerufen und diesen Verdacht bei einem drei Monate alten Baby gemeldet. Schütteln kann Babys töten – oder zu schwersten Behinderungen führen.

Fälle wie dieser kommen nicht selten auf ihren Tisch, wie die Sozialpädagogin, die beim Allgemeinen Sozialen Dienst (ASD) des Jugendamtes Wiesbaden arbeitet, hr-iNFO berichtet. "Wir haben viel Verantwortung, wir haben viel Stress und wir müssen ganz viel wuppen mit wenig Personal", sagt die 43-Jährige.

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Akute Kindeswohlgefährdung

Unter einer akuten Kindeswohlgefährdung fallen etwa Formen der Vernachlässigung, körperliche Misshandlung, psychische Misshandlung und sexuelle Gewalt.

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Wie ihr geht es vielen der deutschlandweit 13.355 ASD-Kollegen. Das zeigt eine aktuelle Studie der Hochschule Koblenz. Etlichen Sozialarbeitern mangelt es an Zeit, Wissen, oftmals auch an Erfahrung.


Handy oder Auto: Die Sozialarbeiter müssen sich selbst helfen

Ein zentrales Ergebnis der repräsentativen Untersuchung in 175 Jugendämtern: Die ASD-Mitarbeiter sind nicht gut ausgestattet. So haben 72 Prozent kein Diensthandy, müssen sich privat aushelfen oder sind nur schwer für die Klienten erreichbar. Ein weiteres Problem: Einem Drittel der Sozialpädagogen in den Jugendämtern fehlt ein eigenes Büro, Besprechungsräume reichen oft nicht aus. Und das, obwohl eine geschützte Gesprächsatmosphäre für Familien, die Hilfe benötigen, enorm wichtig ist.

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In Wiesbaden gebe es Doppelbüros, sagt Krause-Ackermann. "Es gibt Situationen, in denen Eltern überhaupt nicht reden wollen, wenn jemand mit im Raum ist. Das ist einfach schwierig." Auch in anderen Jugendämtern in Hessen ist die Raumsituation verheerend, berichtet Sozialarbeiterin Marlene Schäfer, die in Wahrheit anders heißt und ihren Arbeitsort nicht nennen möchte: "Wir sind auf einer Station zehn Sozialarbeiter und müssen uns immer einteilen: Wer bekommt wann den Raum?"

Dazu kommt: In der Regel sind die Sozialarbeiter auf Bus und Bahn angewiesen, wenn sie Hausbesuche bei den Familien machen. "Dienstwagen haben wir im Moment zwei und das sind definitiv zu wenige für zirka 80 bis 100 Mitarbeiter", sagt Krause-Ackermann. Vor allem in Akutsituationen wie bei einem Schütteltrauma müssten sie und ihre Kollegen sich selbst helfen.

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Bei 1.566 Kindern wurde nach Angaben des Statistischen Landesamtes in Hessen 2016 eine akute Gefährdung festgestellt. Wegen Vernachlässigung (840 Fälle), wegen körperlicher (557) oder psychischer (517) Gewalt und wegen sexuellen Missbrauchs (98). Manche Kinder erlebten mehrere dieser akuten Gefährdungen.

"Werden dem Jugendamt gewichtige Anhaltspunkte für die Gefährdung des Wohls eines Kindes oder Jugendlichen bekannt, so hat es das Gefährdungsrisiko im Zusammenwirken mehrerer Fachkräfte einzuschätzen." - so will es Paragraph 8a des Sozialgesetzbuches. Im Jahr 2016 gab es in Hessen 9.895 Verfahren wegen möglicher Gefährdungen.

2017 starben elf Kinder in Hessen an unnatürlichen Ursachen

Jedes dieser Verfahren bedeutet für die Mitarbeiter des Allgemeinen Sozialen Dienstes der Jugendämter in Hessen: Überprüfen, wie es den Kindern geht, wie ihnen und den Familien geholfen werden kann. Das gelingt nicht immer: 2017 starben elf Kinder in Hessen an unnatürlichen Ursachen.

Auch Krause-Ackermann vom Jugendamt Wiesbaden, dem Verwaltungsbezirk mit den meisten akuten Kindeswohlgefährdungen pro 100.000 Einwohner in Hessen, musste diese Erfahrung bereits in einem Fall machen: "Es ist schon einmal ein Kind gestorben, das war für mich sehr, sehr hart, weil ich diese Familie auch kannte. Das Kind war für kurze Zeit aus der Familie draußen und ist dann wieder zurück. Dann war es tot."

Den Mitarbeiteren mangelt es an Zeit

Doch warum greifen die Jugendämter nicht früher ein, wenn das Kindeswohl derart gefährdet ist? Dafür fehlt es den Mitarbeitern offenbar an Zeit: "In der Regel haben wir alle sechs Monate Kontakt mit der Familie", sagt Krause-Ackermann. Man könne nicht wöchentlich kontrollieren, was in der Familie passiere.

In der Regel hat die Sozialpädagogin für einen solchen Hausbesuch nicht mehr als 45 Minuten Zeit. Das bestätigt auch Schäfer: Es bräuchte mehr Personal, "damit wir nicht so überlastet sind – wir haben harte Fälle, wir haben Sachen, die gehen einem manchmal auch echt an die Substanz." Zeit, um sich intensiv mit einem Fall zu befassen, bleibe nicht, so Schäfer.

Zeit geht durch Dokumentation drauf

Die Studie der Hochschule Koblenz, für die 652 Mitarbeiter der Allgemeinen Sozialen Dienste der Jugendämter deutschlandweit befragt wurden, lässt keine Zweifel: 63 Prozent der Arbeitszeit verbringen die Mitarbeiter mit der Dokumentation. Nur jeder fünfte Sozialarbeiter schafft es laut der Studie, die für Fallübergaben und Verfahren wichtigen Protokolle noch am Tag des Gesprächs auszufüllen, bei 58 Prozent bleiben sie mindestens eine Woche liegen.

"Hilfepläne stapeln sich und ich komm mit dem Schreiben nicht hinterher", sagt Schäfer, die sich dafür gerne in Ruhe Zeit nehmen würde, aber: "Es kommen ja am Tag gefühlt 100.000 Emails, dann kommen 50.000 Anrufe, die Klienten schauen einfach ohne Termin rein und schütten ihr Herz aus, und ich komme nicht dazu, etwas zu schreiben."

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Das Problem ist bekannt. Die Bundesarbeitsgemeinschaft Allgemeiner Sozialer Dienst fordert seit Jahren vehement eine Obergrenze von 35 laufenden Fällen pro Mitarbeiter. Die Gewerkschaft Verdi drängt gar auf eine Begrenzung von 28 Fällen. Forderungen nach deutlich mehr Personal werden laut.

Wissenschaftlerin fordert Finanzierung vom Bund

Verantwortlich für die Ausstattung der Jugendämter und damit des Allgemeinen Sozialen Dienstes sind die jeweiligen Städte und Kreise, an die das Jugendamt angebunden ist. Es sei klar, dass Kommunen, die schlichtweg kein Geld hätten, kein weiteres Personal einstellen könnten, sagt die Sozialwissenschaftlerin Kathinka Beckmann, die die Studie an der Hochschule Koblenz durchgeführt hat. Beckmann fordert deshalb von der Bundesregierung, die Kommunen grundsätzlich von der Finanzierung zu befreien.

"Ich bin ganz klar der Ansicht, dass Jugendhilfe und Kinderschutz eine gesellschaftspolitische Angelegenheit sind", sagt sie. Und die gehöre in die Hand der "obersten föderalen Ebene" – und damit des Bundes -und dürfe nicht auf dem Rücken der Kommunen ausgetragen werden.