Deniz Yücel mit seiner Frau Dilek Mayatürk-Yücel
Deniz Yücel mit seiner Frau Dilek Mayatürk-Yücel Bild © privat

Seit einem halben Jahr sitzt der Journalist Deniz Yücel aus Flörsheim in einem türkischen Gefängnis. Seine Frau Dilek Mayatürk erzählt im Interview, wie es ihm geht und wie sehr er sich über Briefe freut - auch über die von Google übersetzten.

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Deniz Yücel mit seiner Frau Dilek Mayatürk-Yücel

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Dilek Mayatürk-Yücel: "Wenn er glücklich ist, bin ich es auch"

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Seit sechs Monaten sitzt Deniz Yücel in einem türkischen Gefängnis. Genauer: in Isolationshaft in Silivri, 60 Kilometer von Istanbul entfernt. Hier sitzen vor allem Gülen-Anhänger und Terrorverdächtige ein. Auch der deutsche wurde in der vergangenen Woche dorthin gebracht.

Yücel, der aus Flörsheim stammt, hat für die Zeitung Die Welt als Korrespondent aus der Türkei berichtet. Er wird beschuldigt, Propaganda für Terrororganisationen betrieben und Feindschaft im Volk gesät zu haben. Belegt wird das durch seine Artikel und Interviews. Eine Anklage gibt es bis heute nicht.

Im Gefängnis hat Yücel die Dokumentarfilmerin und Buchautorin Dilek Mayatürk geheiratet. Die 31-Jährige ist zur Zeit nicht in Istanbul. Sie will an einem anderen Ort in der Türkei zur Ruhe kommen. hr-Reporterin Susanne Schierwater hat mit ihr telefonieren können.

readitnow.info: Frau Mayatürk, die Frage, die uns jetzt ein halbes Jahr nach der Inhaftierung Ihres Mannes vor allem interessiert: Wie geht es ihm?

Dilek Mayatürk-Yücel: Ich sehe Deniz einmal die Woche. Das ist eigentlich zu wenig, um ganz genau zu sagen, wie es ihm geht. Aber was ich sehe und was ich fühle, ist, es geht ihm gut. Das ist überraschend nach einem halben Jahr in Haft. Natürlich vermisst er uns, seine Familie, seine Freunde. Seine Arbeit. Seine Freiheit. Aber Deniz ist sehr stark und er weiß, dass das, was er getan hat, nicht falsch war. Das ist es, was ich heute sagen kann.

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Solidaritätsaktion für Deniz Yücel in Flörsheim: Zwei Menschen befestigen ein Plakat mit der Aufschrift "Free Deniz" an einem Auto.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Rückblick: Vor einem halben Jahr wurde Deniz Yücel festgenommen

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Deniz beschäftigt sich. Er liest sehr viel. Sechs Tageszeitungen kauft er sich jeden Tag. Er schreibt und er versucht, sich körperlich fit zu halten. Er weiß, dass das wichtig ist, um durchzuhalten. Aber wissen Sie, Deniz ist manchmal wie ein kleines Kind. Er kann sich über die kleinsten Dinge freuen. Wenn ich ihm erzähle, dass die Menschen in Deutschland ihm auf Türkisch schreiben, dann macht ihn das glücklich. Und das ist es, was ich will: Ich möchte ihn glücklich sehen.

readitnow.info: Deniz Yücel ist jetzt seit einem halben Jahr in Untersuchungshaft. Er sitzt in einer kleinen Zelle im neunten Zellenblock, wo vor allem Gülen-Anhänger und Terrorverdächtige einsitzen. Er ist in Isolationshaft. Selbst beim Sport sieht er keinen Mitgefangenen. In den vergangenen Monaten haben wir berichtet, dass er nur eine bestimmte Anzahl von Kleidungsstücken haben darf, dass er keine Briefe bekommt. Dass aus einem Buch, das er geschenkt bekam, die Seiten mit deutschen Grußzeilen herausgerissen wurden: Hat sich daran etwas geändert?

Dilek Mayatürk-Yücel: Wir haben durchgesetzt, dass er Briefe bekommen darf. Allerdings müssen die auf Türkisch geschrieben sein. Sie werden von einem Ausschuss gelesen, bevor er sie bekommt. Er bekommt Briefe von mir, meine Mutter hat ihm geschrieben, auch andere. Aber ich weiß nicht, ob er wirklich alle bekommt, die geschickt werden. Für die simpelsten und normalsten Dinge müssen wir kämpfen. Auch bei Fotos gibt es Restriktionen. Insgesamt darf er nur zehn bekommen. Bei Nummer elf muss er andere zurückgeben, sonst kann er keine neuen bekommen.

readitnow.info: Sie erzählten, dass Sie sich bei dem wöchentlichen Besuch gegenübersitzen. Eine Glasscheibe trennt sie, sprechen können Sie nur über ein Telefon. Alle zwei Monate gibt es einen "offenen Besuch". Worin besteht der Unterschied?

Dilek Mayatürk-Yücel: Beim wöchentlichen Besuch sitzen wir uns gegenüber, getrennt von einer Glasscheibe, das stimmt, und wir dürfen uns nicht umarmen, nicht berühren. Beim "offenen Besuch" ist das anders, da dürfen wir uns umarmen. Er wird in den Raum geführt, und ich bin dann schon da. Wir dürfen uns umarmen und küssen. Ich frage immer, ob ich nicht neben ihm sitzen dürfe. Das wird mir nicht erlaubt. Aber ich darf ihm gegenüber sitzen und seine Hand halten.

readitnow.info: Sie haben nur eine Stunde Zeit - bis zum nächsten Besuch. Über was spricht man in 60 Minuten? 

Dilek Mayatürk-Yücel: Und die gehen so schnell vorbei! Ich rede immer ganz schnell, damit ich alles erzählen kann. Und trotzdem. Ich bin immer überrascht, dass die Zeit schon um ist, wenn der Justizangestellte kommt, um das Gespräch zu beenden.

Über was wir reden? Ich erzähle ihm, was draußen passiert. Das muss gar nichts Politisches sein. Wir reden gar nicht so viel über politische Entwicklungen, mehr über Persönliches. Ich erzähle ihm von unserer Katze. Dass eine Freundin angerufen hat und ich ihn grüßen soll. Überhaupt erzähle ich ihm viel von unseren Freunden. Was sie so machen. Was ich mache. Ich frage ihn, was er seit der letzten Woche gemacht hat. Ganz normale Dinge. Ich glaube, das brauchen wir beide. Und ich versichere ihm, dass ich da bin, dass ich ihn nicht verlassen werde und dass ich seine Hand halte. Auch wenn das beim Besuch wegen der Glasscheibe zwischen uns nicht geht. Bei seinen Anwälten ist das anders. Sie sprechen mit ihm über seinen Fall.

readitnow.info: Sie und Deniz sind ja nicht allein, wenn Sie sich sehen. Es gibt Justizbeamte, die Sie beobachten. Wie frei können Sie reden?

Dilek Mayatürk-Yücel: Wie gesagt, über politische Sachen reden wir kaum. Aber ja, wir sind nicht allein. Es gibt Kameras, mit denen wir beobachtet werden. Aber wenn ich in den Besuchsraum komme, vergesse ich die ganz schnell.

readitnow.info: Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte hat versprochen, die Beschwerde von Deniz Yücel über seine Untersuchungshaft vorrangig zu behandeln. Bis Ende Oktober hat die Türkei Zeit, sich zu seinem Fall zu äußern. Die Bundesregierung hat zugesichert, seine Klage zu unterstützen. In der vergangenen Woche aber hat sie Zweifel über eine baldige Freilassung Ihres Mannes geäußert. Glauben Sie, dass in Berlin genug getan wurde für Ihren Mann?

Dilek Mayatürk-Yücel: Deniz hat beide Staatsangehörigkeiten, er ist Deutscher und Türke. Die Bundesregierung hat Verantwortung für ihn und macht, was sie für einen ihrer Bürger tun muss. Deniz ist Deutscher. Das ist alles, was ich dazu sagen kann.

readitnow.info: Mit Ihrem Mann sind jetzt fast 200 Journalisten inhaftiert. Haben Sie Kontakt zu den Ehepartnern der anderen? Unterstützen Sie sich gegenseitig?

Dilek Mayatürk-Yücel: Ich habe nur Kontakt zu Yonca, der Frau von Ahmet Sic (der Journalist und Buchautor Ahmet Sic ist bereits zum zweiten Mal in türkischer Haft, Anm. d. Red.). Zu den anderen nicht. Jede von uns hat ihre eigenen Probleme, und meiner Meinung nach unterscheidet sich Deniz' Fall von denen der anderen. Ich kann hier nicht viel machen. Also treffe ich mich mit meinen Freunden. Und ich versuche herauszufinden, wie es Deniz geht. Ob er sich verändert. Was er braucht. Wenn es ein neues Buch ist, was er haben möchte, dann versuche ich es zu besorgen. Nur darauf konzentriere ich mich.

readitnow.info: Es fing an mit Autokorsos in Berlin und Flörsheim, der Heimatstadt Ihres Mannes, an: Freunde und Kollegen Ihres Mannes haben die Solidaritätskampagne #FreeDeniz gegründet. Es gab Kundgebungen für seine Freilassung, eine Matinee in Frankfurt, vor einigen Wochen nahmen Sie stellvertretend in Berlin für Ihren Mann den Theodor-Wolff-Preis an: Was bedeutet diese Unterstützung für Ihren Mann? Hört er davon?

Dilek Mayatürk-Yücel: Ja, natürlich! Ich erzähle ihm davon, auch seine Anwälte. Es macht ihn sehr glücklich. Und er braucht diese Unterstützung. Ich finde es ganz erstaunlich, was die Menschen in Deutschland für Deniz tun: Seine Freunde und auch die, die ihn gar nicht kennen. Sie fragen, wie sie uns helfen können. Sie versuchen, uns nicht allein zu lassen. Und sie bringen Deniz zum Lachen, weil sie versuchen, Briefe auf Türkisch zu schreiben. Diese Briefe lassen sie von Google Translator übersetzen. Das hört sich dann oft lustig an.

readitnow.info: Sie und Deniz kennen sich seit einem Jahr. Im Gefängnis haben Sie geheiratet. Auch damit Sie ihn besuchen dürfen. Wie geht es Ihnen?  

Dilek Mayatürk-Yücel: Ich versuche so wenig wie möglich, die Situation zu dicht an mich ranzulassen. Wenn du immer daran denkst, wie schrecklich das alles ist und wie lange es noch dauern könnte, zieht dich das runter. Deshalb versuche ich den Tag zu leben. Wir erwarten nichts. Aber ich weiß, dass das alles hier irgendwann vorbei sein wird. Weil ich weiß, dass Deniz ein guter Journalist ist, der nur seine Arbeit gemacht hat.

readitnow.info: Gibt es etwas, das wir hier in Deutschland machen können? Machen sollten?

Dilek Mayatürk-Yücel: Wenn die Menschen in Deutschland etwas tun wollen, dann sollen sie Briefe schreiben. Auf Türkisch. Vielleicht können sie die übersetzen lassen. Es macht Deniz glücklich.

Die Fragen stellte Susanne Schierwater (hr-iNFO). 

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