Bischof Algermissen rechts, der Fuldaer Dom links
Heinz Josef Algermissen war 17 Jahre Bischof von Fulda – nun naht sein Abschied. Bild © Arnulf Müller (Bistum Fulda), readitnow.info

Seine Kirche verliert dramatisch an Gläubigen, über seine konservativen Positionen scheint der Zeitgeist hinwegzugehen. Und doch sagt Fuldas Bischof Algermissen am Ende seiner Amtszeit im Interview: Auf verlorenem Posten hat er nicht gekämpft.

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Alljährlich ist er Gastgeber der deutschen Bischofskonferenz. Jenseits der Grenzen seines Bistums wird Fuldas Bischof Heinz Josef Algermissen aber vor allem als entschiedener Gegner von Ehe für alle, Abtreibung, Pränataldiagnostik und Sterbehilfe wahrgenommen – und nicht selten angefeindet.

Auf die Rolle des Konservativen will sich der Kirchenmann trotzdem nicht festlegen lassen. Und auch wenn seine Positionen nicht mehrheitsfähig scheinen und seine Kirche von Skandalen und Glaubenskrise erschüttert wird: Algermissen sieht Gründe zur Zuversicht. Warum, das legte er im Gespräch mit readitnow.info dar. Es wurde eine Bilanz. Denn an diesem Donnerstag feiert der katholische Oberhirte seinen 75. Geburtstag. Mit dem Erreichen dieser im Kirchenrecht festgelegten Altersgrenze naht nach 17 Jahren das Ende seiner Amtszeit.

readitnow.info: Herr Bischof, vor kurzem haben Sie ihr Rücktrittsgesuch bei Papst Franziskus eingereicht. Auf Abschied sind Sie vermutlich schon eine Weile länger gestimmt.

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Heinz Josef Algermissen: Der Papst wird mein Rücktrittsgesuch nicht an meinem Geburtstag annehmen. Das wird erst einige Zeit später geschehen, wenn die Emeritierung an einem bestimmten Tag mittags um 12 Uhr in Rom und Fulda in Kraft gesetzt wird. Schon vorher innerlich Abschied zu nehmen, geht in einem solchen Amt nicht, denn bis zuletzt geht es um eine Letztverantwortung des Bischofs. Was ich allerdings vorbereite, ist der Umzug in eine kleinere Wohnung. Dafür muss ich mich von vielem trennen, für das dort kein Platz mehr sein wird.

readitnow.info: Loszulassen dürfte Ihnen nicht so schwerfallen. Es gab zuletzt freudvollere Berufe und Berufungen als die eines katholischen Bischofs in Deutschland.

Algermissen: Ich hatte auch beglückende Zeiten und wunderbare Erfahrungen. Insgesamt bereitet mir das Amt in Fulda sehr viel Freude. Aber Sie spielen vielleicht auf Zeitabschnitte an wie das Bekanntwerden der Missbrauchsfälle im Jahr 2010 und die Vorkommnisse im Bistum Limburg, die 2013/2014 in jedes deutsche Bistum übergeschwappt sind. Es ist richtig: Das war jeweils eine sehr schmerzhafte Zeit.

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Heinz Josef Algermissen

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Algermissen: "Das Bistum ist gut aufgestellt"

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readitnow.info: Hat Sie das nicht an Ihrer Kirche verzweifeln lassen?

Algermissen: Die Kirche ist und bleibt eine notwendige Heilsgemeinschaft, die von Jesus Christus herkommt und zu ihm hinführt. Aber sie war nie eine heile Gemeinschaft. Sie besteht aus schwachen Menschen, Sünderinnen und Sündern. Schauen Sie sich doch an, auf welcher Gruppe im Abendmahlssaal Jesus die Kirche aufgebaut hat: Von vorneherein gehörten Verräter dazu, Verleumder und Feiglinge. Das zeigt, dass er realistisch mit den Menschen rechnet, so wie sie sind. Das gilt auch in Zukunft. Mit den Missbrauchsfällen ist allerdings etwas zum Vorschein gekommen, was ich so nicht für möglich gehalten hatte.

readitnow.info: Immer mehr Menschen wenden sich von Christus und der Kirche ab. Auch Ihr Bistum hat Pfarrgemeinden zusammengelegt, weil nicht nur immer mehr Priester fehlen, sondern auch Gläubige.

Algermissen: Das stimmt. Der Glaube an einen personalen Gott, an Jesus Christus als seinen Sohn und Erlöser und auch an die Auferstehung ist bei vielen Menschen in Auflösung. Dass die Kirche insgesamt in unserer Gesellschaft kleiner wird – wem sagen Sie das. Weltweit hat die katholische Kirche aber 1,3 Milliarden Gläubige und in jedem Jahr kommen viele Millionen dazu. Es gab am Olivenbaum der Kirche immer Äste, die abgestorben sind, und neue, die zum Leben kommen.

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Amtsverzicht und Nachfolger-Wahl: Ein katholischer Bischof kann nicht selbst von seinem Amt zurücktreten. Laut Kirchenrecht kann er lediglich dem Papst seinen Amtsverzicht anbieten. Die Annahme dieses Rücktrittsgesuchs wird erst in einigen Wochen oder Monaten erfolgen. Das Bonifatiusfest im Juni könnte ein möglicher Abschiedszeitpunkt sein. Danach rechnet Algermissen mit einer monatelangen Vakanz des Bischofssitzes. Grund sei das komplexe Verfahren bei der Wahl eines Nachfolgers. Bis dieser gefunden ist, wird ein Diözesanadministrator die laufenden Geschäfte führen.

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readitnow.info: Und Sie haben auf einem solchen verlorenen Außenposten Gottes gekämpft.

Algermissen: Sie beschreiben das sehr deprimierend und voller Schatten – dieses Gefühl hat mich nie beschlichen. Es gibt auch heute immer noch viele Menschen, die aufrichtig auf der Suche sind. In Gesprächen erlebe ich das oft. Manche haben ihren Glauben angesichts des Leidens verloren. Im Herzen haben sie aber eine große, ungestillte Sehnsucht nach Gott. Da ist es unsere Aufgabe, sie so zu begleiten, dass sie finden, was sie suchen. Das macht die Seelsorge heute sehr viel anspruchsvoller als in der Zeit der Volkskirche. Die ist tatsächlich irreparabel vorbei. Das müssen die beiden großen Kirchen in unserem Land endgültig einsehen. Nach wie vor tragen sie einen Rock, der zwei Nummern zu groß ist. Reduktion ist nicht leicht, aber notwendig.

readitnow.info: Als Reform gegen den Priestermangel haben Sie schon vor Jahren vorgeschlagen, ältere, verheiratete Männer zur Weihe zuzulassen. deuten darauf hin, dass Rom nun auch soweit ist.

Algermissen: Zulassungen dieser Art müssen weltkirchlich geregelt werden, eignen sich nicht zu regionalen Alleingängen. Konkret: Wir müssen einen Diskurs darüber in Gang bringen. Hinter der Frage nach den sogenannten viri probati steht der in unseren Bistümern unterdessen dramatische Priestermangel, der die sakramentale Struktur der Kirche berührt. Ohne Priester gibt es keine Feier der Eucharistie und ohne die eucharistische Versammlung am Sonntag löst sich eine katholische Gemeinde langsam auf. Das ist die Not, die uns zum Handeln zwingt.

Bischof Algermissen bei seiner Weihe 2001
2001: Algermissen wird ins Bischofsamt in Fulda eingeführt Bild © picture-alliance/dpa

readitnow.info: Mit Ihnen verliert das konservative Lager in der Bischofskonferenz eine weitere Stimme. Mit ihrer strikten Ablehnung von Abtreibung und Sterbehilfe oder auch der Ehe für alle haben Sie sich viele Gegner gemacht. Man hat Sie sogar "Hassprediger" genannt.

Algermissen: Das hat mir der "Humanistische Verband" nach einer Osterpredigt untergeschoben. Eine lächerliche Unterstellung! Ich hatte gesagt, wer den Auferstehungsglauben bekämpft und leugnet, ist im Grunde ein Sicherheitsrisiko. Das war vielleicht ein wenig zugespitzt. Aber was die Unterscheidung konservativ und progressiv angeht: Was heißt das schon? Das ist meist ein Totschlagargument, ist entsetzlich oberflächlich. Meine Erfahrung zeigt mir: Es gibt dumme verbohrte Konservative. Und es gibt dumme und verbohrte Progressive. Entscheidend ist doch, mit Begründung zu argumentieren: dass es manchmal notwendig ist, nach vorne zu gehen und manchmal lebenswichtig, Bewährtes zu bewahren.

readitnow.info: In Ihrer ablehnenden Haltung zur Sterbehilfe zum Beispiel scheinen Ihnen in unserer Gesellschaft immer weniger Menschen zu folgen. Inzwischen haben schwerstkranke Sterbewillige durch ein sogar ein Anrecht auf todbringende Medikamente.

Algermissen: Ich weiß nicht, woher Sie Ihr Wissen haben; ich habe andere Erfahrungen. Sie müssen auch die neueste Entwicklung mit neuen Gutachten sehen, zum Beispiel das des ehemaligen Bundesverfassungsrichters Udo di Fabio. Es besagt, der Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe sollte gebeten werden, einen Nichtanwendungserlass hinsichtlich des Urteils durchzubringen. Denn wenn das Urteil Anwendung fände, brauchte, wer sterben will, nur einen Antrag zu stellen. Das entspricht nicht meinem Menschenbild. Für mich ist das Leben ein Geschenk Gottes, das ich nicht einfach zurückgeben kann. Das heißt natürlich auch, dass wir den sterbenden Menschen in Palliativmedizin und Sterbebegleitung Alternativen anbieten müssen.

readitnow.info: Sie sind auch Präsident der der deutschen Sektion der katholischen Friedensorganisation "pax christi". Wie fällt Ihre Bilanz da aus? Auf dem Planeten toben zahlreiche Kriege. Und die Bischofskonferenz wollte ihnen gerade die Zuschüsse zusammenstreichen.

Algermissen: Die Kürzungen konnten auf die nahe Zukunft hin abgewendet werden. Aber das war schon ein harter Kampf. Ein großes Problem für mich sind die deutschen Waffenexporte in Konfliktzonen, so zum Beispiel die Tatsache, dass die türkische Regierung Leopard-Panzer gegen die Kurden einsetzt. Zugunsten der deutschen Waffenproduktion dienen die Arbeitsplätze in der Rüstungsindustrie als Argument, das ich zum Beispiel in der eigenen Diözese aus Kassel mit seiner Waffenschmiede höre. Bei einem solchen Argument gibt es dann kein Gespräch mehr. Aber im Kontext meiner "pax christi"-Arbeit macht mir noch etwas anderes zu schaffen: Der zwischenmenschliche Umgang ist deutlich ruppiger und aggressiver geworden. Der Respekt vor dem anderen Menschen wird in unerträglicher Weise von Angriffslust und besonders verbaler Aufrüstung verdrängt. Das müsste uns unruhig machen. Denn Kriege fallen nicht vom Himmel, sondern werden in den Herzen der Menschen vorbereitet bevor sie ausbrechen. Die wachsende Aggressivität unter uns ist der Nährboden für noch Schlimmeres.

readitnow.info: Wenn Sie zurückschauen: Was ist Ihnen in Ihrer Zeit als Bischof von Fulda besonders gut gelungen?

Algermissen: Gelungen ist in diesen 17 Jahren beglückend viel. Mit Zehntausenden konnte ich in meiner Amtszeit Jubiläen feiern: 2002 das Bistumsjubiläum, 2004 das Jubiläumsjahr "1250 Jahre Todestag des hl. Bonifatius", 2007 den 800. Geburtstag der hl. Elisabeth, unserer Konpatronin, 2012 das Jubiläum unseres Domes.

Tausende Gläubige auf dem Domplatz in Fulda
Tausende Gläubige auf dem Domplatz in Fulda beim Bonifatiusfest 2004 Bild © Arnulf Müller (Bistum Fulda)

Und die vielen anderen schönen Erfahrungen, die nicht so öffentlich sind, wenn ich Menschen aller Altersstufen helfen konnte, den Glauben an Jesus Christus zu finden oder wiederzufinden. Das alles sind Erfahrungen, die die dunklen Tage bei weitem ausgleichen. Rückblickend hätte ich mir gerne noch viel mehr Zeit für die Seelsorge gewünscht. Aber das war bei all den vielfältigen Verwaltungs- und Managementaufgaben eines Bischofs leider nicht möglich. Ich will versuchen, dieses Defizit nach meiner Emeritierung etwas auszugleichen, wenn ich mich besonders um alte und kranke Priester, die mitunter sehr einsam sind, kümmern werde.

Das Gespräch führten Bernhard Böth und Wolfgang Türk.

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Heinz Josef Algermissen wurde 1943 in Hermeskeil bei Trier geboren. Nach einem Theologie- und Philosophiestudium wurde er 1969 zum Priester und 1996 zum Bischof geweiht. Er war Paderborner Weihbischof, bevor er 2001 Bischof von Fulda wurde. Wie vom Kirchenrecht vorgeschrieben hat Algermissen aus Anlass seines 75. Geburtstags sein Rücktrittsgesuch bei Papst Franziskus eingereicht. Mit dessen Annahme wird allerdings erst in einigen Wochen oder Monaten gerechnet.

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