Frau in einer Konferenz/ Pillen im Labor
Mit Fake-Konferenzen und unseriösen Publikationen schädigen Raubverlage das Ansehen der Wissenschaft. Bild © picture-alliance/dpa

Mehr als 5.000 Wissenschaftler sind einer ARD-Recherche zufolge in einen weltweiten Skandal um scheinwissenschaftliche Zeitschriften und Konferenzen verstrickt. Auch rund 70 hessische Wissenschaftler sind betroffen. Der Schaden ist groß.

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Publikum bei einem Seminar

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Raubverlage: Unseriöse Publikationen und Fake-Konferenzen

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Eigentlich wollte sich Marcel Lehr nur für eine unter Wissenschaftlern bekannte Fachkonferenz anmelden, die "International Conference on Electrical Machines and Systems, (ICEMS)". Lehr arbeitet als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Elektrische Energiewandlung an der Technischen Universität Darmstadt. Die Einladung kommt per E-Mail. Konferenzort: San Francisco. Lehr schickt einen Fachartikel an den Veranstalter und überweist eine Teilnahmegebühr von 450 Euro.

Fachkonferenz war eine Fälschung

Als das Konferenzprogramm veröffentlicht wird, merkt er, dass etwas nicht stimmt. Denn viele Beiträge der anderen Teilnehmer haben überhaupt nichts mit elektrischen Maschinen zu tun. "Das hat mich doch sehr stutzig gemacht", sagt der Wissenschaftler zu hr-iNFO.

Und tatsächlich ging er einem Betrug auf den Leim: Denn die Konferenz in San Francisco war eine Fälschung, die echte Veranstaltung fand erst zwei Monate später in Sydney statt. Der dubiose Veranstalter hatte den Name der bekannten Konferenz einfach eins zu eins übernommen, um damit Werbung zu machen.

Bekanntes Phänomen: Raubverleger

Nach Recherchen von ARD, Süddeutscher Zeitung und SZ-Magazin zum Thema "Fake-Science" ist das kein Einzelfall. Verlage, die solche Fake-Konferenzen veranstalten oder unseriöse wissenschaftliche Fachzeitschriften und Journale herausgeben werden in der Wissenschaftsszene "Raubverleger" genannt. Der Veranstalter der Fake-Konferenz reagierte auf ARD-Anfrage nicht auf die Vorwürfe.

Screenshot Homepage Waset
Sieht aus wie die Site eines Reiseanbieters: Die Homepage des umstrittenen Anbieters "wissenschaftlicher" Konferenzen, WASET. Bild © Screenshot: waset.org

Auf seiner Website werden die vermeintlichen Fachkonferenzen in den schönsten Städten rund um den Globus mit bunten Fotos angepriesen, es sind Hunderte und sie sind bereits jetzt bis ins Jahr 2026 terminiert. Der Auftritt erinnert eher an ein Reisebüro als an den Veranstalter wissenschaftlicher Konferenzen.

Auch gestandene Wissenschaftler erkennen schwarze Schafe nicht sofort

Auf die Methoden der Raubverleger fallen aber nicht nur junge Forscher wie der Elektroingenieur aus Darmstadt herein. Auch gestandene Wissenschaftler erkennen die schwarzen Schafe mit ihren ausgefeilten Täuschungsmanövern oft zu spät. Stefan Bringezu ist Professor für nachhaltiges Ressourcenmanagement an der Uni Kassel. Er bekam eine Einladung, in einem Organisationskomitee auf einer Konferenz im Bereich Bioökonomie in Zürich mitzuwirken. Alles wirkte seriös – auf den ersten Blick. So hatte er schon zugesagt, dort auch einen Vortrag zu halten, als er aufgefordert wurde, 800 Euro Teilnahmegebühr zu zahlen.

"Da dachte ich, wie kann das sein für jemanden, der dann auch vorträgt? Ein eigentlich unübliches Vorgehen." Auf Nachforschung stellte sich heraus, dass hinter der Einladung OMICS International steckt - ein Unternehmen mit Hauptsitz in Indien, gegen das in den USA bereits ein Verfahren läuft. OMICS veröffentlicht auch Forschungsbeiträge in Online-Journalen, die auf den ersten Blick streng wissenschaftlich wirken, aber tatsächlich Inhalte oft ungeprüft publizieren.

Ungeprüfte Inhalte  - Problem mit der Glaubwürdigkeit der Wissenschaft

Das in der Forschung übliche "Peer Review Verfahren" findet der ARD-Recherche zufolge bei diesen Verlagen gar nicht oder nur marginal statt. Bei diesem Verfahren werden Artikel und Studien durch andere Wissenschaftler "gegengecheckt", bevor diese in einer Fachzeitschrift veröffentlicht werden. OMICS verweist auf Nachfrage auf die Eigenverantwortlichkeit der Autoren, die selbst dafür zuständig seien, dass die Qualität ihrer Studien in Ordnung sei.

Doch genau damit bekommt die Wissenschaft ein wachsendes Problem der Glaubwürdigkeit. Denn dieses System öffnet Betrügern Tür und Tor. So kann man auch falschen oder unseriösen Inhalten relativ einfach den Anstrich der Wissenschaftlichkeit geben. Oder Studien, die bei renommierten Journalen abgelehnt wurden, doch noch publizieren. In der Wissenschaft herrscht ein großer Publikationsdruck. Jeder der einen Namen hat oder haben will, muss eine lange Liste von Veröffentlichungen nachweisen. Da kann es schon einmal verlockend sein, ein Paper bei einem Verlag zu veröffentlichen, der nicht so genau hinschaut.

Namen von mindestens 70 Forscherinnen und Forschern aus Hessen

Laut der Recherche von ARD, Süddeutscher Zeitung und SZ-Magazin sind auch in Hessen mindestens 70 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in den Skandal verwickelt. Demnach tauchen unter anderem Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen der TU Darmstadt, der Uni Kassel, der Goethe-Universität Frankfurt, der Helios-Klinik Wiesbaden sowie von Pharmafirmen und Kliniken aus Hessen als Autoren in fragwürdigen Journals auf - ob als unwissende Opfer oder schweigende Mitwisser ist nicht immer klar. Die drei Universitäten reagierten auf Nachfrage überrascht. Die Praktiken der Raubverleger seien bisher nicht bekannt.

Goethe-Uni will in eigenen Reihen aufklären

Die Goethe-Universität Frankfurt hat aber angekündigt, die Fälle in den eigenen Reihen aufzuklären. Matthias Jahn ist Professor für Strafrecht und leitet die Kommission zum Umgang mit wissenschaftlichem Fehlverhalten an der Goethe-Uni. Auch Jahn wurde schon mal Opfer unseriöser Publikation, als OMICS international seine Biographie und Inhalte seiner Universitätshomepage klaute, ins Englische übersetzte und publizierte. "Was wir machen müssen und machen werden ist aufzuklären, ob Kolleginnen oder Kollegen dieser Universität in diesen Publikationsorganen bewusst publiziert haben und dadurch bewusst öffentliche Gelder zweckentfremdet haben.“ Das könne dann durchaus strafrechtlich relevant werden, wenn man den Vorwurf wissenschaftlichen Fehlverhaltens begründen könne.

Ob das ausreicht, um die aggressiven und professionell agierenden Raubverlage zu stoppen und das Ansehen echter, seriöser wissenschaftlicher Publikationen und Fachkonferenzen zu schützen, ist unklar.

Weitere Informationen

ARD-Recherche zum Thema "Fake-Science"

Mehr als 5.000 deutsche Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen sind in einen weltweiten Skandal um pseudowissenschaftliche Publikationen und Konferenzen verwickelt. Das haben Recherchen von NDR, WDR und Süddeutscher Zeitung ergeben, zusammen mit dem SZ-Magazin und weiteren nationalen und internationalen Partnern. Die Forscherinnen und Forscher haben demnach Fachbeiträge in Journalen veröffentlicht, denen vorgeworfen wird, die Inhalte nicht ausreichend oder überhaupt nicht zu prüfen. Die Zahl solcher Veröffentlichungen hat sich den Recherchen zufolge weltweit verdreifacht und in Deutschland sogar verfünffacht.

Wie funktionieren die Raubverlage?

Die beiden Big Player sind OMICS und WASET. Daneben gibt es noch mehrere kleinere Raubverlage. Diese bauen eine wissenschaftliche Scheinwelt aus Internetportalen, angeblichen Fachzeitschriften und Fake-Konferenzen auf.

Das Geschäftsmodell: Für das Veröffentlichen von Beiträgen werden zum Teil hohe Gebühren verlangt. Falls das nicht klappt, nehmen sie die Forschungsbeiträge auch so, um ihre Plattformen größer und bedeutender erscheinen zu lassen. Wer merkt, dass er bei einem Raubverleger gelandet ist und zurückziehen möchte, muss eine Gebühr (retraction fee) zahlen.

WASET – World Academy of Science, Engineering and Technology

Das vermutlich türkische Unternehmen veröffentlicht 60 pseudowissenschaftliche Journals und veranstaltet jährlich über 150 Konferenzen weltweit, auf denen sich Wissenschaftler aus allen Fachbereichen treffen. Die Teilnehmer können den für sie passenden Titel aus einer Liste auswählen. So lässt sich der Eindruck erwecken, man habe eine für das eigene Fachgebiet passende Konferenz besucht.

OMICS International

Das Unternehmen sitzt in Indien und hat mehrere Tochterfirmen. Omics veranstaltet jährlich zahlreiche Fake-Konferenzen und gibt eine dreistellige Zahl von Online-Zeitschriften heraus. Gegen Omics wird derzeit vor einem US-Bundesgericht in Nevada ein Verfahren geführt. U.a. wird OMICS Täuschung vorgeworfen, weil es vorgibt, eingereichte Studien ausreichend zu prüfen. Tatsächlich führt es aber kein ausreichendes Peer Review durch.

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