Doris Dierbach vertritt die Familie des in Kassel getöteten Halit Yozgat.
Doris Dierbach vertritt die Familie des in Kassel getöteten Halit Yozgat. Bild © picture-alliance/dpa (Archiv)

Doris Dierbach vertritt die Familie des Kasseler NSU-Opfers Halit Yozgat. Die Rechtsterroristin Beate Zschäpe wurde auch für diesen Mord zu lebenslanger Haft verurteilt. Im Interview spricht die Anwältin über Fragen, die bleiben.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Der Fall Yozgat - NSU-Terror in Hessen

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Der Kasseler Internetcafé-Betreiber Halit Yozgat wurde am 6. April 2006 im Alter von 21 Jahren in seinem Kasseler Internet-Café erschossen - laut Bundesanwaltschaft war er das neunte Todesopfer der rechtsextremen terroristischen Vereinigung Nationalsozialistischer Untergrund (NSU). Das Oberlandesgericht München verurteilte am Mittwochvormittag Beate Zschäpe, die Komplizin der beiden verstorbenen Rechtsterroristen Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos, wegen zehnfachen Mordes zu lebenslanger Haft. Die Hamburger Rechtsanwältin Doris Dierbach vertrat beim NSU-Prozess als Nebenkläger-Anwältin die Familie von Halit Yozgat.

readitnow.info: Frau Dierbach, nach fünf Jahren und über 430 Verhandlungstagen wird an diesem Mittwoch im NSU-Prozess das Urteil gesprochen. Was ist davon zu erwarten?

Doris Dierbach: Juristisch ist eine Verurteilung der Angeklagten zu erwarten. Damit ist dann das Verfahren zunächst einmal zu Ende, auch wenn die eine oder die andere Seite vermutlich Rechtsmittel einlegen wird.

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Urteil im NSU-Prozess

Das Urteil im Münchener NSU-Prozess ist am Mittwochvormittag gesprochen worden. Es lautet auf lebenslange Haft für Beate Zschäpe unter anderem wegen zehnfachen Mordes. Details zur Urteilsbegründung im Liveblog von .

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readitnow.info: Und gesellschaftlich? Welches Signal kann von dem Urteil ausgehen?

Dierbach: Die gesellschaftspolitische Aufarbeitung hat ja erst begonnen. Es gibt schon jetzt einzelne kulturelle Initiativen, die sich mit dem Prozess beschäftigen, aber die eigentliche Aufarbeitung der Ereignisse kann ja erst mit dem Urteil beginnen. Das Urteil ist die zentrale Grundlage, um klar zu machen, von welchem Geschehen man hier überhaupt spricht.

readitnow.info: Wie geht die Familie Yozgat in den Tag?

Dierbach: Mit großer Anspannung. Schon bisher hat jeder Prozesstag Wunden wieder aufgerissen und die Familie gezwungen, sich erneut mit dem schrecklichen Geschehen, dem Tod von Halit Yozgat, zu beschäftigen. Sie werden teilnehmen, aber Zufriedenheit wird sich nicht einstellen. Dafür wurden aus Sicht der Nebenklage zu viele Fragen nicht erschöpfend beantwortet.

readitnow.info: Welche Fragen sind das?

Dierbach: Zum einen die Frage rund um das konkrete Tatgeschehen in Kassel. Die Familie hat sich gewünscht, dass sich das Gericht selbst ein Bild vor Ort macht, anstatt sich nur auf Bilder und Filmaufnahmen zu verlassen. Zum anderen ist das ganze Geschehen rund um den hessischen Verfassungsschutz offen.

readitnow.info: Sie meinen, dass der damalige Verfassungsschützer Andreas Temme zur Tatzeit am Tatort in Kassel war.

Dierbach: Ja, und dass Temme kurz vorher ein langes Telefongespräch mit einem V-Mann aus der rechtsextremen Szene geführt hat. Überhaupt ist noch nicht klar, inwieweit Rechtsradikale in und um Kassel involviert waren. Wir haben ja nicht viele Erkenntnisse dazu, ob und wie Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos diese Tat überhaupt verübt haben. Es gibt die Aussage von Beate Zschäpe, und die Tatwaffe ist die gleiche.

Aber zu glauben, dass zwei Thüringer Männer auf die Idee kommen, in der Holländischen Straße in Kassel den Betreiber eines Internet-Cafés zu töten, ohne einen Hinweis vor Ort - dafür braucht man viel Fantasie. Die Taten des NSU fanden überwiegend an Orten mit einer starken rechtsextremistischen Szene statt. Wir halten deshalb die Auswahl der Opfer - im Gegensatz zur Bundesanwaltschaft - nicht für rein zufällig. Zumal der Verfassungsschutz intensive Kontakte in die Kasseler Szene hatte.

readitnow.info: Gibt es denn nach dem Urteil noch Möglichkeiten, diese Fragen zu klären?

Dierbach: Mit dem Urteil ist die Aufklärung der Taten zunächst einmal abgeschlossen. Der Bundesgerichtshof wird das Urteil wahrscheinlich überprüfen, aber meines Erachtens hat das Münchner Oberlandesgericht keine schweren prozessualen Fehler gemacht, und es wird auch in der Lage sein, ein Urteil zu schreiben, das einer Revision standhält.

readitnow.info: Bei all den Kritikpunkten: Gibt es auch ein positives Signal, das von dem Urteil ausgehen kann?

Dierbach: Der NSU-Prozess ist ein Strafprozess, in dem allerschwerste Straftaten verhandelt werden. Wenn diese Taten einer Sanktion zugeführt werden, hat das einen Wert an sich. Und vielleicht gibt das dann den Angehörigen die Möglichkeit, mit dem Geschehenen abzuschließen - das kann ich aber nicht beurteilen. Aus meiner Sicht hat aber mit diesem Prozess die Sensibilität der Behörden für rechtsextremistische Straftaten zugenommen. Das ist vielleicht ein wirklich wichtiges Signal.

Die Fragen stellte Bodo Weissenborn

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